Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Januar 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31.I.1945.

Brief 4. vom 21.I.
Karte 5.   "  24
   "    6.    "  29 (22!)
        No. 7.
Mein geliebtes Herz!
Man kann wieder Briefe schreiben, und ich hörte es gestern, erfahre es heute durch deine liebe Karte vom 28., die bereits heut ankam. Aber sie bringt mir sonst keine gute Nachricht und ich bin betrübt, daß Du es aufgabst, Kurzrock zu Rate zu ziehen. Vor allem möchte ich Dich auch dringend bitten, die Sache nicht zu verschleppen, sondern ein paar Tage zuhause zu bleiben, bis es wirklich besser ist. Die klare Schneeluft an sich ist ja nicht schädlich, aber die ungesunden Räume und die infektiöse menschliche Nähe in den Transportmitteln. Sei nicht leichtsinnig, mein geliebtes Herz und denke, daß Du Susanne und mir verpflichtet bist, für Dich zu sorgen. – Bei uns ist bereits Tauwetter. Da Du in deinem lieben, eingehenden Brief vom 20. von der Glätte schriebst, die Dich am Ausgehen hindert, ist der Wetterumschlag vielleicht bei Euch schon früher gewesen. Bei dem Zustand draußen: schmelzender Schnee von 60 cm Höhe und Regen darauf, werde ich kaum am 2. Februar auf den Friedhof können, um dem Vorstand einen Kranz zu bringen. Es ist überhaupt selten, daß ich mal dort war. Ihr und Adeles Grab sind nahe beieinander, aber beide an ziemlich
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| entlegener, nicht gangbarer Stelle. –
Daß Dein Kolleg so stark besucht ist, darüber freue ich mich mit Dir. Ich wäre glücklich, wenn ich es miterleben könnte, denn Plato hat es auch mir angetan – schon damals in Freudenstadt. Wie viel mehr aber würde mir jetzt deine Vermittlung sein. –  – Mit den Königsdramen bin ich jetzt durch. Aber ich denke noch einmal von vorn anzufangen, denn die Fülle der Personen hat mich öfters verwirrt und ich werde mir diesmal einige Notizen machen. Fein aber wäre es, wenn Du noch die Absicht hast, sie auch zu lesen, falls Du mir dabei einige Winke zuteil werden ließest.
Daß die 7köpfige Familie nun ein anderes Unterkommen hat, ist nur gut für Euch. Möge sie dort sich erträglich einrichten können. Wo sollen nur all die Flüchtlinge noch bleiben! Du weißt, daß ich dabei besonders an Anna Weise denke. Und ich hoffe auch, daß Frl. Wingeleit dies alles nun nicht mehr erlebt! Es ist schrecklich, so lebenszäh zu sein.
– Daß Du wieder Geld schicktest, mein Liebster, das danke ich Dir sehr, aber es wäre vermutlich bei dir besser geblieben. Ich habe Dir schon so oft geschrieben, daß auf der Sparkasse so viel Geld ist, habe Dir meine geldliche Situation ganz genau dargelegt, sodaß Du es doch wissen mußt! Ich habe immer etwa 500 M im Haus, aber man kann ja garnichts kaufen,
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| und das ist alles nur für einen "Notfall", den man sich freilich in keiner Weise vorher ausmalen kann! Mir erscheint für den Fall, daß ein Bleiben hier unmöglich ist, einzig Dielbach als eine vielleicht mögliche Rettung. –
Deinen Weg in Pankow gehe ich in Gedanken mit, wie ich überhaupt sehr viel in den Bildern der gemeinsamen Vergangenheit lebe. –
Vorgestern aber erlebte ich hier etwas, was mich noch immer stark beschäftigt. Da ich in der Klinik durch ein Mißverständnis nicht Beschäftigung fand, ging ich zu Rösel Hecht und fand dort das Haus in großer Erregung. Die befreundete Haushilfe sagte mir bereits, daß die beiden Kinder, Walter, der Hauptlehrer und Hanna, die beschäftigungslose Musikstudentin, die sich immer streiten, – sich geprügelt hätten. – Rösel klagte mir dann ihr Leid in heller Verzweiflung. Walther ist ja seit dem Zusammenbruch im Kriege äußerlich wieder so weit normal, aber doch immerhin sonderbar. Man soll ihn schonen, und nicht durch Widerspruch reizen, sagt der Arzt. Und Hanna ist auch voll absonderlicher Schrullen. Sie kann z. B. nicht Klavier üben, wenn jemand im Zimmer ist, und das gab diesmal den Anstoß. Auf Rösels Wunsch
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| blieb ich dann da, und in längerem Gespräch mit Hanna wurde sie allmälig ruhiger und zugänglicher. Anfangs voller Heftigkeit und Trotz erklärte sie „natürlich alle Schuld auf sich zu nehmen, aber es sei ja doch alles sinnlos wie das ganze Leben, und wie jede Absicht sich zu ändern und zu bessern vergeblich sei.“ Sie ist klug und voller Interessen, aber völlig unklar und sprunghaft. – Lieber, weißt Du mir da zu raten? – Als ich ging, hatten sich die Wogen etwas geglättet und Rösel sagte mir, es sei gut, daß ich da [über der Zeile] war. Aber was kann man tun, als von der eignen Erfahrung geben, so gut man kann, nicht lehrhaft, denn das wird abgelehnt, sondern von Herzen? Und ich habe die Beiden ja wirklich lieb.
– Auf die Post werde ich diesen Brief heute nicht mehr bringen, dazu ist mir der Boden zu unsicher. So wird es erst den Stempel von morgen bekommen. – Leider kann man nur Briefe zu 20 gr. schicken. Ich habe Dextropur, das zu Dir soll und leider warten muß, weil ich nicht rechtzeitig dafür sorgte. – Sei mit Susanne herzlich gegrüßt und gib Dir Mühe, Dich wieder gesund zu machen; ich habe doch ohnehin Sorge genug um Dich, mein Liebstes.
Von Herzen Deine Käthe.