Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Februar 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Februar 1945

No. 8.
6. Karte v. 29.
7. Brf. v. 31.
Mein geliebtes Herz,
Vorhin habe ich in der Stadt einen Brief zur Post gegeben, im Voraus zu Susannes Geburtstag. Nun will ich aber doch noch einige Zeilen an Dich hinzufügen, denn zu einer Handarbeit reicht das miserable Licht nicht aus. Heute mittag kam deine liebe, vielsagende Karte vom 31.I. (No 7.) – Hoffentlich schonst du Dich noch länger, denn unter den heutigen Lebensbedingungen überwindet man jede Erkrankung schwer. Ich bilde mir ein, daß es von Nutzen hätte sein können, wenn ich zur Hülfe in Berlin gewesen wäre, aber das Schicksal hat es nicht gewollt. Die Verhältnisse, und die Menschen hier waren ja von vornherein auf Bleiben eingestellt, wenn man freilich auch reichlich nervös zuweilen ist. Ich selbst komme mir nachgerade etwas verblödet vor, denn ich mache mir eigentlich weiter keine Gedanken mehr. Sich irgendwie vorbe
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|reiten kann man nicht, da man ja die Situation durchaus nicht voraussehen kann.x [li. Rand] x nur reichlich Geld habe ich im Hause und natürlich Essenvorräte. So lebt man, in einem Grade in den Tag hinein, wie man sich das nie gedacht hätte. "Daß das Herz fest werde" kommt mir manchmal etwas fragwürdig vor, denn es ist wirklich so, als stumpfe das Gefühl etwas ab. Man denkt mit Sorgen an alle zunächst Bedrohten, und man hört von all dem Elend wie von einer Bestätigung des längst Gewußten. Es ist mir manchmal, als wäre ich nur noch Zuschauer des Lebens, das seiner Vernichtung entgegen treibt, die sich auch an mir erfüllen wird.
Daß Du Korrekturen liest, (doch vermutlich das Goethe-Buch), höre ich mit echter Bewunderung für die Ausdauer und Zuversicht. Möge es nun wirklich zum Enderfolg kommen. – Die wiederholten Angriffe auf Berlin machen mir natürlich ernste Sorge; und auch von meiner Schwester weiß ich seit dem 15.I. nichts, von Stolp noch länger. – Von Annelies Weise, der Schwiegertochter, kam eine Anzeige: der Mann, Richard (Annas 3. Sohn) ist als Major im Westen gefallen, der Sohn Will, Gefreiter im Osten vermißt. Wo
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| und wann wird diese Nachricht Anna treffen? Ob überhaupt?
Gestern besuchte ich Frl. Helene Specht, Schwester des Geistlichen, der mit Frau und 5 Kindern in Leipzig einem Terrorangriff zum Opfer fiel. Sie ist mir besonders sympathisch, weißt Du, so ein Mensch bei dem man gleich weiß: er gehört zu einem. Auch mit dem 84jährigen Vater war die Unterhaltung anregend. Er ist Kirchenrat i.R., aber noch fabelhaft frisch und rege. Ich sah die Bilder der verunglückten Familie. Es ist erschütternd – all das einfach ausgelöschte Leben. Und wie viele noch!
Frl. Specht habe ich am Krankenbett einer früheren Kollegin kennen gelernt, die ihre Tante war. – Heute war ich zu Einkäufen in der Stadt, leidlich, wenn auch stehend, hingefahren. Ich ging auch in die Klinik, wo ich gleich von neuem bestellt wurde. Dr. Cibis hat seine Angehörigen auch in Oberschlesien und
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| und weiß nichts von ihnen. – Bei meinem getreuen Drogisten gab es nichts, und da ich ja doch nicht schicken dürfte, macht es mir weniger. Ohnehin habe ich nun schon selbst eine Schachtel Dextropur im Gebrauch. Ich lebe überhaupt sehr gut, mein liebes Herz, Vitamine in Tabletten (Priovit) und in natura (gelbe Rüben durch die Mandelreibe gedreht, hochfein!) sowie neulich mit Begeisterung beefsteak à la tartare, selbst ausgeschabt – kurz, ich genieße, was der Tag möglich macht. Und die Müdigkeit kommt wohl auch mit von der Kälte und den häufigen Störungen der Nacht. – Heute war ein ununterbrochner Regen und da am Bahnhof eine Menschenmauer die Elektrische erwartete, ging ich in der Dämmerung heim. Das war naß, aber doch nicht so eklig wie die unwürdige Eingeferchtheit im Wagen. Bleibt bei Euch auch das Elektrische oft einfach aus?
<Kopf> Walther Hecht habe ich zu Weihnachten Kerschensteiners "Seele des Erziehers" geschenkt und er hat es mit Interesse und Freude gelesen, hatte auf dem Seminar von K. gehört.
<ohne Schlußwort>