Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Februar 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Februar 1945.

No 10.
[von fremder Hand] 22 II
Mein geliebtes Herz!
Wie dankbar bin ich Dir für Deine lieben häufigen Nachrichten! Und doch ist immer inzwischen schon wieder ein Grund zu neuer Besorgnis eingetreten. So schnell geht es nicht mit den Russen, wie man dachte, aber diese schrecklichen Angriffe aus der Luft! Und es wird damit immer furchtbarer. Bei uns beschränkt man sich auf Tiefflieger; aber da kann man fast sagen: Keine Stunde ohne Tiefflieger! Man muß sich von einer Deckung zur anderen eilen, wenn man von ihnen draußen überrascht wird. Und es ist doch notwendig, geschäftliche Wege zu machen; zum Vergnügen gehe ich überhaupt nicht mehr aus. Man müßte es dann ein Vergnügen nennen, daß ich vorhin den hübschen Weg durch die Obstgärten bis an den Friedhof ging bei herrlicher Frühlingssonne, um bei dem Gärtner wieder zu hören, daß der Kranz noch nicht gemacht ist. Mitten drin hob ein böses Geknatter über der Ebene an, vermutlich über der Bahnlinie nach Karlsruhe. Als ich jetzt zu Hause ankam, gab es Bomben, daß die Fenster
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| gehörig klirrten. – Das sind die Ereignisse am Ort, die ich – während fortgesetzten Geknatters von Maschinengewehren – zu melden habe. Aber von außerhalb gibt es täglich Neues und Erschütterndes. Daß Anna Weises Sohn im Ober-Elsaß gefallen ist, und der Enkel in Rußland vermißt, schrieb ich wohl schon. Sie selbst ist nach einer Reise von 2 Tagen und Nächten im Viehwagen mit Tochter Alwina und Enkelin, auf ihren Handkoffern sitzend, nach Herrnhut in Sachsen zu Univ.-Direktor Bondert gelangt.
Von meiner Schwester habe ich jetzt Karten vom 2. u. 6.II., daß noch alles heil war. Bei ihnen war auf der Durchreise zum Einsatz in Bremen (OT) Hermanns Tochter Gisela, mein Patenkind. Er selbst ist natürlich in Stolp, seine Frau im Krankenhaus des Bruders in Schlema?, am Rand ihrer Kräfte, Dieter mit dem Lazarett verlagert.
— abends. Da hinderte mich vorhin die Dämmerung am Weiterschreiben und später blieb der elektrische Strom aus. Ich machte einen Besuch bei Schoepffers, um zu fragen, wie ihm gestern der lange Aufenthalt auf dem Friedhof und in der kalten Kapelle bekommen war. Wir waren zusammen
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| zum Begräbnis von Dekan Schlier gegangen, dessen Frau und Tochter ich auch kenne. Wir waren pünktlich um ½ 4 Uhr dort, trotz Vollalarm, aber alles mußte warten, so gingen wir in der warmen Sonne auf dem schönen Friedhof umher, erlebten in der Kapelle erst noch zwei katholische Feiern mit, und kamen endlich gegen 5 Uhr zu dem eigentlichen Zweck. Es war kalt und zugig, aber Predigt und Musik waren so schön, daß man es vergaß, und auch die verschiedenen Nachrufe gaben ein so unmittelbar empfundenes Bild von der Herzensgüte und Lauterkeit des alten Mannes, der noch bis 2 Tage vor seinem Tode in Vertretung tätig war, trotz seiner 80 Jahre. Das tat wohl in dieser Zeit. – Weder Herr von Schoepffer noch ich haben uns eine Erkältung geholt. –
Aber schrecklich müde waren wir beide. Dazu kommen die vielen gestörten Nächte. Meist beginnt es gegen 9 Uhr und geht mit Pausen bis 1–2 Uhr! In der Regel sind es Durchflüge, auch wenn es zu Euch geht, kommen sie oft über hier. Auch soeben hatten wir einen kurzen Ansatz.
Erinnerst Du dich an ein schönes lila Seidentuch mit eingepreßtem Chrysanthemenmuster, das Ihr mir von Japan mitgebracht habt? Das trage ich jetzt überm Kopf, so wie es jetzt viele Leute tun, wenns in den Keller geht. Auf der Straße tat ich es nur in den allerkältesten Tagen. Jetzt
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| haben wir – viel zu früh – völliges, herrliches Frühlingswetter. Die Haselkätzchen blühen und die Vögel fangen an zu singen. Ich habe schon Amseln gehört.
Hörtest du was Näheres über Dresden? Die schöne Stadt! Dort waren wir auch im Vorfrühling.
Damit der Brief wenigstens so bald als möglich fortkommt, will ich ihn rasch noch in den Kasten bringen. Er soll Dir viel, viel Liebes sagen, wenn er auch sonst weiter nichts zu melden hat. Auf der Sparkasse war auch noch nichts eingetroffen, ich gehe aber bald wieder mal hin. – Nun also: gute Nacht! Hoffentlich habt ihr nun so bald keinen Angriff wieder, und könnt Schlaf nachholen. Und hoffentlich höre ich bald von Euch, und auch von Ruges. Ist Potsdam noch immer verschont? Wie seltsam würde Euch dies unversehrte Heidelberg jetzt vorkommen!
Herzliche Grüße und Wünsche Susanne und Dir. Ich schrieb schon vor längerer Zeit zum 19. einen längeren Brief, und an dich am 31.I., 5. u. 11.II., No 7, 8, 9. Von dir kamen Karte 6.II. u. Brief 5.II., No. 9 u. 11 – (also irrtümlich), am 12. u. 15.II. an.
Ich grüße dich innig!
Deine
Käthe