Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Februar 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.II.1945.

No. 14.
Mein geliebtes Herz!
Wie ein warmer Sonnenstrahl wirken die roten Schriftzeichen im Kalenderchen am 25. auf mich! Es war ein Sonntag; und an einem Sonntag bin ich geboren. Ob der Kreis sich damit schließt? So mußte ich unwillkürlich denken. Der Tag war voller Kontraste. Morgens kamen Gunhild Buttmi und Frau Heinrich zum Gratulieren mit Blumen. Leider auch gleichzeitig die Schwiegertochter von Anna Weise, die ich gern ungestört gesprochen hätte. Sie hat keine nähere Nachricht über den Tod ihres Mannes. Ich muß bei alledem immer denken: wie menschlich war doch der Weltkrieg. Was für liebe Briefe bekamen wir von den Kameraden unsres Kurt! Wegen des Sohnes sah sie noch die Hoffnung, daß er in russischer Gefangenschaft sein kann. – Nachmittags erwartete ich sechs Leute zum Kaffee, da kam, als trotz aller Hindernisse alles hübsch bereit war – Vollalarm. Und es war diesmal kräftig: Tiefflieger, die von Bordwaffen reichlich Gebrauch machten und auch Bomben abwarfen. War es wieder Zufall, daß ausgerechnet ein Hilfskrankenhaus getroffen wurde? Unmittelbar daneben im Bunker war Hedwig
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, die dann noch recht erregt zu mir kam. Ich war sehr froh, daß sie so tapfer war. Außer ihr kamen noch Rösel Hecht, Frau Buttmi, und Frl. Drechsler. Frl. Seidel und Ursel Kohler blieben aus. Es war dann trotz allem noch ein recht freundliches Beisammensein gleichgesinnter Menschen. Es ist so schön, wie diese Zeit die Menschen einander näher bringt. Natürlich war von vielen Sorgen um andere die Rede, aber Rösel berichtete auch sehr nett von den Fortschritten ihrer Tochter im Hauswesen, die jetzt offiziell bei ihr "Haustochter" vertritt und sich recht gut anläßt. Das wird ihr Befriedigung und etwas Gleichgewicht geben. Ich sah sie am Montag und freute mich an ihrem frischen und veränderten Gesichtsausdruck. Morgen kommt sie nachmittags mal zu mir. –
Und am Donnerstag werde ich wieder Lehrerin spielen. Frau Dr. Fink, deren Mann in amerikanischer Gefangenschaft ist, hat mich gebeten, ihren beiden Buben und einem Spielkameraden Stunde zu geben. Ich graule mich etwas davor, aber ich möchte gern helfen, die Kinder etwas zu beschäftigen. Zunächst sollen sie mal an der Tafel zeichnen, die ich in der Küche aufstelle. –
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Aber da rede ich immerfort von mir und ich bin doch in so beständiger großer Sorge um Euch. Am Alexanderplatz sollen die größten Schäden sein, aber bei der Größe der Angriffe wird das nicht das Einzige sein. – Und wie mag es in Pommern aussehen, auf Rügen und in der Kurfürstenstraße?! – Anna Weise ist mit Tochter und Enkelin von Herrenhut ausgerechnet nach Dresden gegangen, wo der Mann von Alwina, Prof. Schmitz, als Breslauer Dozent hinbeordert war. – So werden die Menschen hin und her geschoben ohne Ende. Elisabeth Vetter ist auch vom Warthegau nach Dresden, und eine Schwester Mathy mit Mann und Tochter wohnte dauernd dort, und zwar an der Brühlschen Terrasse. – Die Tochter einer Bekannten, vom Luftfahrtministerium beschäftigt, ist von Oberschlesien jetzt nach Kaufbeuren gelangt.
Und Hermann schreibt, Irmgard muß jetzt nach Berlin zurück, Helga sei hoffentlich in Greifswald, wohin sie (er und Hete) auch wollen, wenn es dann noch geht, wenn sie fort müssen. Dieter habe in Treptow-Rega die Betreuung von 100 Leichtverwundeten übernommen, um den überlasteten Kollegen etwas zu helfen.
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Es wäre noch manches zu sagen, aber – schweigen ist Gold! Ich lebe ja in der Gewißheit, daß wir uns auch ohne Worte verstehen. – Und der 25. hat mir das wohltuende Gefühl gegeben, hier einen Kreis wirklich befreundeter, guter Menschen zu haben, das war auch etwas Schönes. So lebt man sub specie aeternitatis, immer auf das Ende gefaßt. Und so grüße ich auch Dich, mein Liebstes auf der Welt. Keiner aber ist wohl trotz allem ganz ohne Hoffnung, wie Dante es als Forderung über den Eingang der Hölle schreibt. Oft sage ich es mir vor im Anblick dieser teuflischen Zerstörung, aber irgend eine Lebensmöglichkeit für unser Volk erhofft man doch immer wieder ganz besonders bei diesem beginnenden Frühling und der Unerschöpflichkeit des Lebens. – Lauter schöne Frühlingsblumen habe ich im Zimmer: Veilchen und Schneeglöckchen, Forsythien, Alpenveilchen und Primeln. Sogar Frau Kühn hat mir welche gebracht und Lauch aus ihrem Garten.
Nun aber will ich noch an den Kasten gehen, daß der Brief morgen früh um 6 Uhr geholt wird. Seid alle beide herzlich gegrüßt und bleibt von Unheil verschont!
Immer
Deine
Käthe.