Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. März 1945 (Heidelberg)


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No. 15.
Heidelberg. 1. März 1945.

[von fremder Hand] 7.III.
Mein geliebtes Herz!
Gestern habe ich zum ersten Mal ein völlig zerstörtes Haus gesehen, in der Gaisbergstraße ist es am 25. von einer Bombe getroffen. Es ist auf der Bergseite, nicht weit vom Bahnübergang, ein sehr stattliches Gebäude, das Prof. Hofmann, dem Nachfolger von Erb gehörte und jetzt Hilfskrankenhaus war. Es gab Tote und Verwundete. – Die Angriffe in der Umgegend setzen sich fort, Neckargemünd, Eberbach und vor allem Mannheim. Sogar den Feuerregen über Pforzheim sahen wir leuchten. – Auch jetzt, während ich schreibe, ist ein enormer Brand in der Gegend Mannheim – Ludwigshafen, schon seit dem Nachmittag. Man sah das Feuer vom Himmel fallen wie über Sodom und Gomorra. – Eigentlich hatte ich um die Stunde den Finke-Buben Zeichenstunde geben wollen, es war aber unmöglich. Und nachher wurde es bald dunkel, denn der Rauch zog weit über das ganze Tal und den Neckar aufwärts.
Heute gab es nun die neue Lebensmittelkarte mit den beträchtlichen Kürzungen. Alle Leute sind erfüllt von dem Ereignis und reden von nichts anderem. Da wird Susanne auch viel verstimmte Gesichter zu sehen bekommen, wenn sie die Karten verteilt. Wir hier müssen sie uns im Schulhaus
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Nach all den Eindrücken des Tages ist jetzt draußen ein böiger Sturm und dazwischen Platzregen. Vielleicht hilft er löschen!
In meinem Brief vom 27. schrieb ich Dir, daß ich zweimal von Hermann Nachricht hatte. Inzwischen aber ist nun dort wohl Entscheidendes geschehen. Zum Glück weiß ich jetzt, wo Helga in Greifswald wohnt, so daß ich durch sie weitere Nachrichten haben kann!
Aber weder von Dir noch von meiner Schwester kommt etwas durch. Die Unregelmäßigkeit der Postbeförderung erleichtert die sonst unerträgliche Sorge; man wartet geduldiger, weil man an technische Schwierigkeiten denkt. Aber die schweren Angriffe bringen doch eine beständige stille Angst. Immer wenn uns die Geschwader vorbeifliegen, fragt man sich: wohin?
Ich wollte Dir noch erzählen, daß nach etwa fünf Monaten nun die bestellte Arbeitsbrille eingetroffen ist. Hoffentlich ist sie nun das Richtige. Sie kostet 40 M. Mit dem Zeichnen ist aber wieder mal eine Pause, was mir ganz angenehm ist, denn ich bin sehr müde, trotz zusätzlicher Vitamine. Es ist auch schlimm, wie jede zusammenhängende Arbeit gestört wird. –
"Laß Dir an diesem Zettel genügen", es ist wenigstens ein Gruß. Ich hoffe, daß nun auch mal wieder eine Post von Berlin kommt! Dir und Susanne immer die gleichen Wünsche und treuen Grüße.
Deine Käthe.

[li. Rand] In der Nachbarschaft ist ein älterer Herr, mit dem ich heut Morgen noch einen Gruß tauschte, gestorben. <Fuß> Wohl ihm!