Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. März 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5.III.45

No 16
Mein liebes Herz,
heute kam zu meiner Freude Dein Brief vom 24.II. No 14., es geht also hübsch nach der Reihe, wenn auch mit längeren Pausen. Auch von mir hast Du allmälig alles gekriegt, und es sind bis zu dem heutigen noch 5 Sachen unterwegs. Vermutlich hat es dann auch mit den Nummern gestimmt!! –  – Deine lieben Zeilen reden von der gleichen Stimmung, die auch hier herrscht: die Unlust, irgend etwas Zusammenhängendes vorzunehmen, weil es ja doch unterbrochen wird. Auch jetzt eben haben wir wieder eine Weile im Keller zugebracht, und am Himmel steht nun, wie so oft, ein ferner Feuerschein. Auch das gewohnte ferne Dröhnen ist zu vernehmen. –  – Daß Ihr in Tegel eine erfreuliche Stunde verbracht habt, ist schön. Ich wollte, ich hätte Euch auch am 25. hier haben können!
Es ist mir auch ein Bedürfnis, möglichst mit Menschen zusammen zu sein und ich denke bei dieser Art Leben öfters: wir bringen unsere Tage zu wie ein Geschwätz! – Aber was hat es denn für einen Zweck, was man sonst tut? Eines Tages wird auch für uns die Schonzeit aufhören und dann ist doch alles unnötig. – Der gute, alte Gärtner, der mir nun endlich den Kranz für Aenne geliefert hat, sagte genau wie
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| wir denken: "ich frage mich oft abends, wofür habe ich eigentlich gearbeitet?" – Seine Treibhäuser sind durch die aufgewühlten Erdschollen von nachbarlichen Bombenaufschlägen arg beschädigt. Und wer ersetzt das?
Beim letzten Tagesangriff durch Tiefflieger kamen sie gerade bei uns von Osten über den Berg und ich war noch beim Essen, als sie schon übers Haus weg waren. Als ich ans Fenster lief, sah ich gerade noch 4–5 Bomben in der Richtung auf den Güterbahnhof und die Grenadirkaserne fallen und dicke Wolken aufwirbeln. Es hat diesmal wenigstens keine Menschenleben gekostet.
Manchmal ist in besinnlicher Stimmung allerlei, was ich Dir schreiben möchte. Aber wenn ich vor dem Papier sitze, dann ist der Kopf leer. Auch zum Lesen komme ich kaum, ich bin zu müde. Ein kleines Reclamheft bekam ich dieser Tage: von Bergengruen: die Feuerprobe. Eine seltsame Mischung von Realismus und Mystik, gut erzählt, aber sonderbar nüchtern und unbeteiligt. –
Desto erregender ist täglich der Heeresbericht – d. h. was man daraus an Tatsachen abliest. Ich bin in großer Sorge um Hermann und Hete. Und wo mag Dieter nun sein? Ebenso schlimm ist es, daß die Nachrichten nach den Angriffen auf Berlin so lange brauchen, auch wenn Du so getreulich immer gleich schreibst. Kleinere Schäden irgendwo in der Nähe meldet man schon garnicht mehr! –  – Möge uns Kraft bleiben für das, was uns immer näher kommt, auch wenn dieser äußere, abgehackte Verkehr ganz aufhören sollte! Ich grüße Dich innig. Mit guten Wünschen für Euch beide
Deine Käthe.

[li. Rand] Der Schreibmaschinenversuch ist fürs erste recht ordentlich. Aber das Farbband ist nichts mehr. "Meine Liebe" pflegte Großmutter Knaps zu sagen, wenn sie im höchsten Grade aufgebracht war.