Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. März 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12.III.45.

[von fremder Hand] 31.III.
Mein geliebtes Herz,
wenigstens einige Zeilen will ich Dir doch heute noch schreiben zum Zeichen, daß unsre Gedanken sich auf dem Friedhof an der Bergmannstraße begegneten. Dort gewesen seid Ihr schwerlich, denn die Alarme in Berlin lassen dazu wohl keine Möglichkeit. Wir dagegen haben eine merkwürdig stille Zeit, und man munkelt davon, daß wir nun doch Lazarettstadt würden. Alle Schulen sind zu diesem Zweck geschlossen und die Häuser würden mit Verwundeten belegt. –  – Wenn Du mal wieder herkommst, wirst Du nur noch traurige Reste von unseren schönen Wäldern finden. Alle Welt geht mit Säge und Axt hinauf und holt, was jedem paßt – ob erlaubt oder nicht. Und die Stadt selbst hilft dabei durch Anweisung und das Stellen von Hilfe durch Russen und Soldaten. – Aber auch ohne das holt sich jeder was er kann. So war ich mit Frl. Drechsler und wir haben allerlei nach Haus zu ihnen ge
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|schleift. Holz wird wohl auch künftig das hauptsächliche Brennmaterial sein, denn für Kohle ist ja keine Transportmöglichkeit.
Bei Frl. Mathy war ich heut und traf sie im Keller beim Holzspalten. Es waren richtige Knorren aus ihrem Garten und eigentlich keine Frauenarbeit, noch dazu für eine 63jährige! – Sie sagte, was ich sehr treffend finde: "man kann sich einfach nicht mehr aufregen, es fehlt die Kraft dazu." – Das ist genau, was ich empfinde. Man denkt fortwährend an die geliebten Menschen, die in beständiger Gefahr sind, aber das ist nur etwas, was man weiß, kaum fühlt. –  –  –  – Morgen wird der Lesekreis bei mir sein, und ich habe ein Weißbrot gemacht und beim Bäcker backen lassen. Es sieht vorzüglich aus, – wie viel lieber schickte ich es Dir, wie überhaupt alles Gute, das mir vorkommt. Auch 2 Flaschen Rotwein bekam ich nach langem Warten – aber wozu?! Es ist so schlimm, daß man garnichts mehr schicken kann. Augenblicklich tröste ich mich mit der Einbildung, für Dich zu arbeiten, indem ich Wolle zu einem Paar Socken stricke, die eigentlich einem andern Zweck bestimmt war. Ob du sie je bekommen wirst?? Ich hoffe.
<li. Rand> Und jetzt grüße ich noch und gehe zu Bett, denn es ist bereits 11 Uhr.
Immer Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Ich lese abends Fontane, (Wanderungen durch die Mark) mit Genuß. Stifters "Hochwald" ist mir etwas zu überschwenglich.