Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. März 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Juni 1945.

[von fremder Hand] erhalten 19.9
Mein geliebter Freund!
Soeben kommt Dr. Matuscheck und sagt mir, daß er einen Gruß für Dich mitnehmen will. Ich bin des Schreibens so entwöhnt, daß ich mich garnicht dazu sammeln kann, aber ich bin doch sehr glücklich, daß nun doch wenigstens ein Lebenszeichen zwischen uns gegeben werden soll. Es geht mir gut; das weiß ich, willst Du zunächst wissen. Möchtest Du doch das Gleiche von Dir melden können! Ich denke – ich kann sagen: beständig – Dein, und meine innigen Wünsche sind bei Dir. – Es ist hier wohl von größeren Städten die einzige, die durch all die Gefahren ziemlich unversehrt davongekommen ist. Trotzdem steigen auch hier täglich neue Schwierig- auf, und es drohen neue mit dem kommenden Winter. Das Dasein ist eine beständige Jagd nach den nächsten Lebensbedürfnissen und alle Zeit und Kraft geht für Äußerlichkeiten hin. Daneben hatte ich aufregende Arbeit in der Augenklinik, und habe – einmal in der Woche – drei kleine Zeichenschüler. Bei den Freunden ist ebenso wie überall Sorge um die entfernten Angehörigen, von denen man keine Nachricht bekommen kann. Von meiner ganzen Familie
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| weiß ich absolut nichts. Vielleicht höre ich jetzt durch Dich wenigstens was über Berlin. – Durch die zerstörten Brücken war ich auch von denen über den Neckar länger abgeschnitten, aber bald gab es Fähre und dann auch eine feste Holzbrücke für den gesamten Verkehr. Am empfindlichsten ist es, daß dauernd kein Gas hergeholt werden kann. Zwischen Ostern und Pfingsten sorgte Frau Buttmi mit dem Kochen des Mittagessens für mich, seitdem bekam ich auch ein winziges Sparherdchen, für das ich Holz im Wald zusammensuche. Zu essen haben wir noch, nicht sehr reichlich aber immerhin. Bei dieser Jahreszeit ist doch Gemüse und Obst da, soweit es für uns käuflich ist. Die Lage meiner Wohnung ist recht ungünstig für jeden Einkauf. –  –  – So wie im vorigen Herbst liegt über meinem Schreiben ein Druck, der mich nicht sagen läßt, was ich fühle. Aber ich weiß, Du spürst es auch ohne Worte. Über Einzelheiten aus dem Freundeskreis hier ist nur zu sagen, daß man teils Todesfälle teils Gefangenschaft zu beklagen hat. Und die liebe, gütige Frau [über der Zeile] v. Schoepffer ist am Verlöschen, so wie unser Tanting am Ende vom Weltkrieg. Entschuldige die fehlerhafte und schlechte Schrift, man wartet auf das Fertigwerden des Zettels – also "laß Dir genügen"
– Ich grüße Dich und Susanne von Herzen und mit den innigsten Wünschen
Deine Käthe.