Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Juli 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Juli 1945
Du Lieber, wie mag es Dir gehen? Ich habe von Dir die letzte Nachricht vom 15. März, der Brief über Matuscheck ist nicht angekommen, indirekt erfuhr er, daß am 2. Mai Euer Haus noch stand. Dann kam die Besatzung und es hörten auch für Euch die Bombenangriffe auf. In mir regte sich der heiße Wunsch, nun gilt es, das geistige Deutschland zu sammeln. Hier geht es schlecht und recht. Meine Hoffnung ist, daß wir unter der gleichen Herrschaft stehen und dadurch auch endlich einmal wieder eine Verbindung zwischen uns möglich sein wird. Das ist ja das Höchste, was man zu hoffen wagt. Denn alles andre ist ja zerschlagen, so gründlich, wie man es trotz aller Befürchtungen nicht voraussah. Der schmerzvolle Druck, von dem man sich im ersten Augenblick erleichtert fühlte, ist nur verlagert. Auf unabsehbare Zeit, jedenfalls auf länger als ich lebe. – Das Dasein geht augenblicklich dahin mit fortwährender Jagd nach Ernährung und Brennmaterial. Früh morgens geht es mit Axt und Fuchsschwanz in den nahen Wald und hole Material für das
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| dürftige, kleine Sparherdchen, das ich – glücklicherweise – vom Klempner bekam. Alles seufzt: wenn wir doch endlich wieder Gas hätten! Aber für Kohlen ist wenig Hoffnung. Und mein Wirt hat mir erklärt, daß die Heizung ausfällt. Also bestellte ich mir einen größeren Sparherd auf 4 Füßen, der neben den Gasherd kommen soll und der die Wohnküche etwas mit erwärmen wird. Das Wohnzimmer muß dann aber kalt bleiben, und eventuell schlafe ich auch in der Küche. So sind die Aussichten. Gemüse bekommen wir, und wöchentlich die bescheidenen Zuteilungen. Auch Obst konnte ich einkochen oder sterilisieren. Also ein wenig ist Vorrat da von allem.
Aber wie sorge ich mich um alle in der Ferne, von denen ich garnichts erfahre: Hermann, Ruges, die Töchter alle – alle, und wo sind die Männer? Auch Otto Kohler ist noch nicht zurück. Dorthin bin ich gestern wieder dringend eingeladen, aber ich will damit noch warten. Ich gebe hier Zeichenstunden an 4–5 kleine Buben, die sehr eifrig bei der Sache sind, und mir immer neue Kameraden beischleppen wollen; das geht aber nicht wegen der engen Räume. –  – Ob dieser Zettel in Deine lieben Hände kommt? Ein Brief durch Matuscheck ist seit Ende Juni an Dich unterwegs. In ständigem Gedenken grüßt Dich und Susanne
Deine Käthe.