Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. August 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. August 1945.
Mein liebes Herz!
Ich möchte Dir schreiben, denn es bietet sich wieder eine Gelegenheit zur Beförderung, aber ich bin so entwöhnt der Mitteilung, daß ich garnicht weiß, anzufangen. Was soll man auch erzählen von diesem Dasein? Der große Kummer liegt auf uns allen, und die kleine Last des Tages auch. Von früh an ist man beschäftigt, für das tägliche Essen zu sorgen, und ist dankbar, daß es immer noch das Notwendigste gibt. – Aber krank werden darf man nicht! Und da wir eine merkwürdige Neigung haben, gleichzeitig mit Schwierigkeiten uns abzugeben, so fürchte ich es könne Dir nicht gut gehen! Wenn ich doch nur wieder einmal Nachricht hätte! Seit dem 15. März hörte ich direkt nichts von Dir und seit dem 2. April nur, daß Euer Haus noch stand. – Ich selbst bin ein wenig krank
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| gewesen, hatte die hier übliche Darminfektion mit hohem Fieber und anschließend Herzschwäche mit geschwollenen Füßen. Es ist schwer, sich bei der jetzigen Ernährung wieder zu erholen, obgleich ich Gemüse, Obst und die nötigen Medikamente, auch allerlei Nährmittel und mehrere Eier bekam. Dabei ist der herrlichste Sommer, den man sich denken kann, so recht zum Wandern lockend!! – Aber alle Welt ist von Sorgen gedrückt, zum Teil sind gute Freunde aus dem Heim vertrieben und andre sind krank, wie ich. Von der Familie weiß ich garnichts. – Frau von Schoepffer siecht dahin, wie Tanting im Weltkrieg. Mit ihm lese ich, vermittelt durch Emil Bock, über Steiners Gedanken vom "Ursprung der Menschheit" mit wirklich großem Interesse und innerer Anteilnahme, wenn auch nicht restlos zustimmend. Sonst sind meine Gedanken in der Ferne und der unvergänglichen Vergangenheit. Und so grüße ich Dich mit immer gleicher Innigkeit und wünsche Dir und Susanne es möchte Euch so erträglich gehen, wie uns hier. Wenn doch die gleiche Besatzung durch die Amerikaner uns auch endlich eine Möglichkeit des Verkehrs gäbe!
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Ein Brief von mir ging durch Vermittlung von Matuscheck Ende Juni an Dich ab.