Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. August/10. September 1945 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 27.VIII.1945
Mein lieber, einziger Freund!
Noch immer kann ich es fast nicht glauben, was mir gesagt wurde! Es wäre ja wie ein Wunder nach all den langen Jahren des Wartens! Bist Du wirklich jetzt zu der Arbeit berufen, zu der Du innerlich bestimmt bist? All mein Denken und Wünschen ist mit Dir und ersehnt für Dich die physische Kraft, diese Aufgabe zu erfüllen, die Dir das Schicksal nun endlich doch gewährt. Denn viel Kraft wird es erfordern, nun alles von Grund auf neu aufzubauen. Aber Du wirst den richtigen Weg dazu finden! Gleich am Tage, als Berlin besetzt wurde, klang es in mir, Dein gedenkend: jetzt gilt es das geistige Deutschland zu sammeln. Nun war ja das entsetzliche Morden und Zerstören vorbei.
[2]
|
Du wirst wissen wollen, wie es mir geht, und da kann ich nur melden, daß ich nach einer längeren Zeit des Krankseins wieder in der Besserung bin. Einmal meldet sich eben das Alter und da läßt die Widerstandskraft nach. Es handelte sich um eine Herzattacke, die nur langsam vergeht. Aber sie ist heilbar, wie die Ärztin versichert und im Gedanken an Deine Ermahnung gebe ich mir dazu Mühe. Auch helfen mir die lieben Freunde hier alle, sodaß ich für die heutigen Bedingungen geradezu üppig lebe und durch Hülfe im Täglichen verwöhnt werde. Am meisten aber wird es mir helfen, wenn ich mit Beruhigung an Dich denken kann und wenn in all der Trauer und Dunkelheit uns doch ein freudiges Licht geblieben ist.
Hoffend, daß diese Zeilen durch gütige Vermittlung irgendwie in Deine Hände kommen, grüße ich Dich innig. Auch Susanne sehr herzliche Grüße und Wünsche von
Deiner
Käthe.

[3]
|
Fortsetzung am 10.Sept. 1945.
Die in Aussicht gestellte Beförderung versagte im letzten Augenblick, aber jetzt habe ich wieder eine neue Vermittlung angeboten bekommen, die hoffentlich zum Ziele führt! Ich hätte so viel zu erzählen, daß ich garnicht weiß, wo anfangen!! – Noch immer bin ich nicht wieder völlig gesund, aber ich habe zugenommen, trotzdem das Wasser in den Füßen weniger geworden ist. So lebe ich mein zwecklos Dasein weiter, immer mit der Hoffnung, doch einmal wieder mit Dir in Verbindung zu kommen. Oder fühlst Du vielleicht auch jetzt mein ständiges sorgendes Denken, das Dich umgibt? Ich male mir aus, wie ausgefüllt Deine Tage sein werden; ich erinnere mich der Zeit, als Du Dekan warst und stelle mir vor, wie viel wichtiger und schwieriger jetzt die Lage ist. – Wie seid Ihr versorgt? Ich bedaure sehr, von den freundschaftlichen Zuwendungen, die mir zuteil werden, Dir nichts als Stärkung senden zu können. Auch künstliche Vitamine
[4]
| vertilge ich reichlich, vor allem Dibionta und Tonikum Roche, – auch nach Alkohol habe ich bisweilen eine sündhafte Begier und vergreife mich an den wenigen Flaschen, die ich eigentlich für Dich aufheben wollte. –
Von meiner Familie weiß ich nichts, garnichts. Nur Ila war zweimal auf der Durchreise hier, erst sehr angreifend, weil es in meine kränkste Zeit fiel, aber gestern freundlich und mit wohltuenden Gaben. – Von den Freunden ist noch keiner wieder zurück, aber es ist Nachricht da von Kohler, Buttmi, Drechsler. Sie werden ja allmälig kommen. Wir hatten einen schönen, warmen, nicht schwülen Sommer, aber jetzt häufige Regentage dazwischen, entschieden schon herbstlich. Mit dem Wandern ist es jetzt bei mir auch "nicht mehr weit her", jede Steigung fällt mir beschwerlich. Aber seit dem 31.VIII. habe ich ein deutliches Gefühl von Genesung. –  – Von der Welt hören wir durch eine sich mausernde Zeitung, und sonst allerlei Gerüchte, denen man besser nicht allzuviel Glauben schenkt. – Nur das Eine scheint mir zuverlässig, daß Du Rektor geworden bist, und das bürgt mir für Dein <li. Rand> gesichertes Dasein. Daran muß ich "mir lassen genügen."
<Kopf>
Grüße Susanne vielmals und sei selbst innig gegrüßt in stetem Gedenken von Deiner Käthe.

[li. Rand S. 1] Hier hat Rektor Bauer die Uni mit einer sehr schönen Rede eröffnet.