Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9./12. Oktober 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Oktober 1945

[li. Ecke] Gunzert
Alpiersbach

[von fremder Hand] 22.X
Mein einziger Freund!
Wieder einmal bietet sich eine Gelegenheit, Dir einen Gruß zu senden und ich ergreife sie umso lieber, als ich gerade gestern durch Gerhard Gunzert von Dir direkte Nachricht bekam. Wenn ich Dir nur die unnötige Besorgnis um mich nehmen könnte! Es geht mir ja viel, viel besser als Euch. Ich bin nach wie vor in meinen engen vier Wänden, deren Bescheidenheit ich diese Verschonung verdanke. Die Ernährung ist nicht unzureichend, wenn auch mühsam zu beschaffen und meine Gesundheit ist so ziemlich wieder hergestellt, wenn auch noch labil. Mit allen Freunden ist ein herzliches gegenseitiges Helfen, das dem Leben die Wärme gibt, die ihm äußerlich und vor allem sonst fehlt. Einzig die Gemeinschaft mit Dir hat durch all die Zeit ihre immer gleiche Sonnenkraft bewahrt und erfüllt mein Dasein, daß es nicht zerbricht. Also obgleich ich mir oft recht nutzlos vorkomme, befolge ich doch alle Verordnungen von Fräulein Dr. Clauß ge
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|wissenhaft und strebe, das ersehnte Wiedersehen mit Dir und Susanne zu erleben. Mit Geld kann ich noch auf lange ausreichen, wenn es nicht beschlagnahmt wird. Eine Ursache dafür liegt ja glücklicherweise nicht mehr vor, da es mir gelang, einen Irrtum in dieser Richtung richtig zu stellen. – Was ich von Euch erfahre, ist ja leider weit weniger günstig. Möchte sich doch auch da eine Besserung einstellen! Vor allem sorge ich mich für Dich wegen der Kälte. Denn die innere Heizung ist so schwach, daß man von außen wenigstens warm haben müßte. Ich habe 3 Ctr. Holz bis jetzt, es soll aber noch mehr geben und das Sparherdchen, das die Küche mitwärmen soll, wird auch kommen. Vorläufig habe ich nur eine Art Puppenherd zum Kochen. – Am meisten aber würde es wärmen, wenn man Gutes von allen Lieben erfahren könnte. Was Du nun durch mich über meine Familie erfahren hast durch die vier oder fünf Zettel, die ich schon schrieb, ist mir ungewiß. Ich wiederhole darum die Tatsachen: Ich bekam einen Brief von Mädi, die mit Mann und Kindern in Oeynhausen
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| ist, und die von Rügen nicht so Schreckliches berichtete, wie es sich zu meinem Entsetzen sonst zutrug. Die drei Cousinen, von denen die Mittlere in der Gegend von Jena sein soll, wissen von ihren Männern nichts.x [li. Rand] x Inzwischen kam noch einmal Nachricht, daß Inge (die zweite Tochter) mit Mann in Burgdorf bei Hannover ist. Und Hermann mit Frau in Flensburg.Günther ist gefallen durch Schläfenschuß eines russischen Panzerspähwagens in Karow. [über der Zeile] b. Bl. – Hermann und Frau sollen in Holstein sein, vermutlich ohne Gepäck. Von den Töchtern und Dieter weiß ich nichts. – Die Schwestern Schwidtal wohnen, ausgebombt, in Wilhelmshöh; Walter hofft auf Wiedereröffnung der Gerichte. Mein Schwager ist entlassen, darf aber noch ärztlich tätig sein, wohnt mit Frau im Krankenhaus.
Es gibt auch hier viel Kranke, und an Körperfüllen können wir wohl vielfach mit den Bildern in den Zeitungen wetteifern. Denn wenn wir auch nicht geradezu hungern, so ist doch der gewohnte Nährwert nicht da, obgleich ich viel Vitamine zu mir nehme, und dabei immer wünsche, ich könnte sie Dir zuwenden. Ganz besonders wünsche ich auch, daß Deine mühsame Arbeit Erfolg haben möge. Es ist eine große, bedeutungsvolle Aufgabe,
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| die auf Dir liegt und ich verstehe ganz, daß Du sie übernahmst. Es ist das, was ich bei der Nachricht von der Besetzung Berlins als Ziel des Friedens empfand. Von Dir gehört habe ich durch Briefe vom 27. September [über der zeile] 1. und 22. August [über der Zeile] 3., sowie den lieben Brief von Susanne. Im Vergleich zu Eurem bewegten Leben ist es bei mir eintönig, obgleich es auch da an persönlichen Aufregungen und Leid im Großen nicht fehlt. – Abgesehen von dem Wiederlesen Deiner lieben Briefe aus den ersten Jahren unsrer Gemeinschaft und sonstigen Schriftsachen von Dir, ist mir die Lektüre von Emil Bock eine Stärkung der Seele gewesen, die mich auch zu einer eingehenden und dauernden Beschäftigung mit dem neuen Testament veranlaßte. Welch ein Reichtum in den schlichten Worten!
Und so gehen wir weiter, gemeinsam auch in der Ferne, geführt von höherer Hand. Möchten wir den tiefsten Punkt des Schicksals erreicht haben! "Wir sind der letzte Schein eines Sonnenuntergangs und wir werden nach einer langen Nacht das Morgenrot der Zukunft sein." sagt Segantini 1895. –  – 12. Okt. Es wäre noch viel zu sagen, aber es will nicht aus der Feder. So nimm diese wenigen Zeilen hin als Zeichen unablässigen treuen Gedenkens. Sollte auch mir Beschlagnahme <li. Rand> drohen, hoffe ich auf Zuflucht in Dielbach. Also sorge Dich nicht. Ich grüße Dich, Susanne und Ida, und wieder Dich, du liebster Freund. Deine Käthe.
[li. Rand S. 2] Eine Schwalbesche Enkelin schrieb und fragte nach unserer Familie. Sie steht mit Helga (Hermanns Jüngster) in Verbindung, die in Greifswald krank liegt. Offenbar eine<Kopf> septische Angina mit schwerer Herzerkrankung.