Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Oktober 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Okt. 1945

No 2.
[von fremder Hand] 9 XI
Mein liebes Herz!
Also die Post soll nun in Gang kommen und man kann endlich wieder brieflich verkehren! Wie sehr habe ich das entbehrt! Denn wenn ich auch durch freundliche Vermittlung dreimal von Dir einen Brief bekam, so war das doch nur ein Notbehelf und kein richtiger Zusammenhang dabei. Aber ich war ja doch sehr dankbar für Deine Mitteilungen, die mir ein ungefähres Bild Eurer Existenz gaben. Inzwischen hat sich aber sicherlich schon wieder manches verändert, so auch hier. Ein wunderschöner Lichtblick gerade im rechten Moment war der Besuch von Frl. Dr. D., die Dir ja von hier aus einen fliegenden Brief schickte. Der sachliche Inhalt dieses Schreibens steht mir beständig vor der Seele und erfüllt mich mit tröstenden Zukunftsgedanken. Möchte es keine Fata Morgana sein, was ich mir da ausmale. Für mich jedenfalls erscheint mir diese Aussicht die erfreulichste. Denn hier am Ort fürchte ich unerfreuliche Situationen durch mißgünstige Menschen. Und die geplante Unternehmung erinnert mich so wohltuend an die frühen Jahre unsres Briefwechsels, als gerade solche Aufgabe wie diese Dir lockend erschien, etwa in Schulpforte. Aber wie es auch sei, ich werde dankbar sein, wenn auf eine
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| Dir entsprechende Weise die Schwierigkeiten Deiner beruflichen Existenz gelöst werden. – Dem bedeutungsvollen Brief konnte ich einen kurzen Gruß beilegen, der aber sehr eilig und unpersönlich war. Aber Du weißt ja, wie ich mit der ganzen Intensität meines Fühlens an Deinem Ergehen teilnehme.
Meine kleine Wohnung ist mir also erhalten geblieben. Wie der Vorgang mit der Beschlagnahme zu erklären ist, weiß ich nicht. Jedenfalls bestand aber kein ersichtlicher Grund dafür, denn meine Einsprache war noch garnicht bei der Behörde, als man Frl. D. den Bescheid gab, daß es "ein Versehen" gewesen sei. Ihre Anfrage hat mir manchen Tag unnötiger Sorge und Aufregung erspart. Denn es hat mir natürlich doch recht zugesetzt, da ich meinen ganzen Haushalt damit verloren hätte. Ich fühle wohl, daß es ein großes Glück ist, davon verschont zu bleiben, wovon jetzt Unzählige und all meine Nächsten betroffen sind. –
Mit Ungeduld erwarte ich die nächste Post von Dir. Ob nun wohl bei Euch im Hause geheizt wird? Ich habe noch keinen größeren Herd in der Küche, aber bereits 3 Ct. Holz, von denen 1 bereits auf dem winzigen Öfchen zum Kochen verbrannt ist. Im Zimmer benutze ich soeben den elektrischen Ofen, der aber bei dem schwachen Strom nicht viel Wärme gibt. Ich werde bei wirklicher Kälte in der Küche leben müssen. Irgendwie wird man sich schon durchhelfen. Sehr angenehm ist mir der Krankenzusatz, der mir verschrieben ist: auf weitere 8 Wochen ¼ l tgl. Milch und Haferflocken [über der Zeile] ½ <altes Pfundzeichen> in der Woche. Überhaupt ist die Ernährung noch so, daß wir nicht Hunger leiden, aber richtig satt wird man auch nicht. Es fehlt die Qualität der Nahrung, aber die Quantität bedroht mit Magenerweiterung.
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Von meiner Familie habe ich weiter keine Nachricht mehr. Einzig Mädi hat mir mal geschrieben, wie ich Dir ja mitteilte. Ob sie meine Antwort bekam, weiß ich nicht. So wandern die Gedanken immer von einem zum andern und man hofft nun endlich etwas zu erfahren. Ob Frau Annemarie Heß noch in Alpirsbach ist, will Frl. Dr. D. ergründen. Von ihr hörte ich, daß unsre Reichenau völlig evakuiert sei und zum Krankenaufenthalt für Infektiöse gemacht. Und wir hatten sie doch für eine stille Zufluchtsstätte gehalten! Wo mögen Frommherzens sein?
Von Otto Kohler noch keine Nachricht, dagegen hat Buttmi geschrieben. Ursel Kohler macht in dieser Woche ihr Apotheker-Examen. Dann wird sie zunächst bei der Mutter bleiben. Traudel war wieder schwer krank, hat sich aber davon nochmals erholt. Aber natürlich ist es eine trostlose Sache. – Bei Rösel sind beide Kinder zu Haus. Walter im Arbeitseinsatz, bis er wieder als Lehrer angestellt wird. Er hat Märchen verfaßt, die zu Weihnachten als Buch mit Illustrationen (schwarz-weiß) erscheinen. Hanne treibt Musik. – Viele, die hier Zuflucht fanden, müssen nun wieder weiter ziehen wegen der
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| Evakuierung. Es ist eine große Erregung und jeder ist in Sorge; auch Matussek, den ich länger nicht gesehen habe. –
Du wirst auch von meinem Befinden hören wollen, das durch den Schrecken mit dem Wohnungsamt natürlich einen Rückschritt machte. Aber der Appetit läßt nicht zu wünschen übrig, und ebenso der Schlaf. Hauptsächlich sind es wohl die Nieren, und infolge dessen die Beine die immer wieder anschwellen und in denen ein Taubheitsgefühl Schwäche verursacht. Ich bin aber weitgehend faul und schone mich, weil Du es willst. Eigentlich kommt es mir aber beinah unrecht vor in dieser Zeit. – Oft stehen Bilder aus der schönen Vergangenheit vor mir auf, und auch im Traum bin ich häufig mit Dir zusammen. Wollte Gott, es käme bald wirklich dazu. Könnte Dir nicht dieser Ruf vom Schicksal bestimmt sein, damit die hohe ethische Wirksamkeit Deines Wesens in unmittelbarem Verkehr sich voll entfalten kann? Und sicherlich wäre auch günstige Bedingung zu eigner Arbeit, sowie die Möglichkeit anregenden Verkehrs mit hier ohne Reibungsfläche gegeben! Was meint Susanne? Ich grüße sie herzlichst und ganz besonders auch Dich, mein geliebter Freund, und wünsche Euch erträgliche Tage und einen tröstenden Blick in die Zukunft. Oder ist zu viel Verzicht bei jenem Plan? – Immer mit Dir!
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße auch an Ida. – Sind Scheibes wieder in Dahlem?
[li. Rand S. 1] Morgen, Montag d. 29., werde ich das Requiem von Brahms hören!