Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./29. November 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag. 25.XI.1945.
Mein geliebter, einziger Freund!
Endlich ist – nach den 3 Briefen vom 22.8., 16. u. 27.IX., – wieder eine Nachricht von Dir gekommen und zwar durch die Post, vom 7.XI. Dazwischen muß also gerade der wichtige Brief verloren gegangen sein. Es ist wohl der, welcher dem Vermittler des Dr. Matussek an der Grenze abgenommen wurde. In Gedanken habe ich Dir täglich lange Briefe geschrieben, aber meine Feder ist wie gelähmt, und die lateinischen Buchstaben wollen nicht heraus. Vielleicht mit der Zeit und – Übung.
Von Eurer dürftigen Existenz kann ich mir ein schmerzliches Bild machen und beklage es sehr, daß ich Euch nicht von meinem guten Essen und ausreichenden äußeren Behagen abgeben kann. Seit etwa 10 Wochen habe ich Krankenzusatz (¼ l Milch u. ½ <altes Pfundzeichen> Nährmittel) was mir sehr wohltut. Und besonders denke ich Eurer bei jedem guten Apfel! Auch friere ich nicht, obgleich ich oft nur 6–8°R im Zimmer habe. Ich glaube, daß man viel mehr unter Kälte leidet, wenn man beständigem Temperaturwechsel ausgesetzt ist. – Dasselbe gilt wohl dem ständigen Wechsel von Hoffen und Enttäuschung. – Mein Schreiben, das in dem Brief von Dr. Dorer eingelegt war und von dem fliegenden Generaldirektor mitgenommen wurde, und den Brief nach Eröffnung
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| der allgemeinen Post wirst Du hoffentlich erhalten haben. Damals war ich so zuversichtlich und hoffte auf ein baldiges Wiedersehen, zunächst wenigstens auf regelmäßigen Briefwechsel. Aber all meine damit zusammen hängenden Hoffnungen scheinen eine Fata morgana gewesen zu sein, wie mir Deine letzten Mitteilungen zu vermuten geben. Ich muß wohl annehmen, daß bei Dir das immer nasse, kalte Klima einer zerstörten Großstadt über die friedliche, ländliche Existenz im Südwesten den Sieg davontragen wird. Und Du wärst doch mit wahrer Freude und Verständnis aufgenommen worden, ganz abgesehen von dem Glück, das es mir bereitet hätte. – Wir beschäftigen uns beide eben viel mit Theologen und Theologie. Der alte Gaß ist der Vater von meiner Bekannten, und das schnöde Heidelberg sagte von ihm "Gaß ist kein Kirchenlicht", als es sich damals um die Beleuchtung der Peterskirche handelte – Mein Befinden war schon viel besser, aber allerlei Aufregung (die zweimal drohende Beschlagnahmung meiner Wohnung, das vermutliche Ausbleiben meines bestellten Herdes, der Transport und das Aufsetzen von Holz, viel vergebliche Wege etc.) brachten wieder einen Rückschlag. So gelingt die beabsichtigte Schonung nicht in dem Maße, wie es sein sollte – Dir zulieb. Denn mir selbst würde es kaum der Mühe wert scheinen. Aber ich lebe noch einem Wiedersehen mit Dir entgegen –  – so altersschwach ich auch geworden bin. Denn nicht nur mit dem Schreiben geht es so fehlerhaft, auch mündlich verspreche ich mich oft und es mischen sich die Worte. Es wäre wohl noch manches zu sagen und die seltene Wärme in der kleinen Küche lockt zum Stillsitzen – ich habe mit tüchtigem Holzverbrauch auf dem kleinen Sparherdchen (20–35 cm) es auf 12°R gebracht! Das kommt mir wie eine Bullenhitze vor. Möchte auch Euer Behelfsofen seine Schuldigkeit <li. Rand> tun. Ich verspreche Dir für mich, mein Möglichstes! Das ärztliche Gutachten sagt Herz- und Nierenleiden.
<li. Rand S. 1> Grüße Susanne sehr herzlich und sei selbst in treuer Liebe umarmt von Deiner Käthe. – Von meiner Familie keine Nachricht!

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29.XI.45. Gestern blieb der angefangene Brief liegen, und heute schon kam wieder ein liebes Schreiben von Dir; gleichzeitig ein langer Brief von meiner Schwester mit viel Berichten über die ganze Familie. Nur über Hermann nichts Näheres, als daß beide leben. – Doch jetzt ist mir Anderes noch wictiger, nämlich, daß gerade jener Brief, den wir in so sicherer Besorgung wähnten, nicht angekommen ist. Es handelt sich dabei um einen Auftrag der Groß-Hessischen Regierung, die durch ihren Hochschulreferenten bei Dir anfragt, ob Du Direktor eines pädagogischen Instituts werden wolltest, eines der technischen Hochschule [unter der Zeile] Darmstadt angegliederten Instituts in Heiligenberg-Jugenheim. – Nach Deinem Brief, den ich Freitag erhielt, schien mir andere Aussicht diesem Vorschlag zuvorgekomme zu sein. Nun Du ja aber durch meine Andeutungen von einem Plan weißt, wartest Du vielleicht noch mit Deinem Entschluß und meine Hoffnung steigt wieder. Ich könnte mir ja diese Lösung so schön denken: die Art der Tätigkeit, die größere Ruhe in erreichbarer Nähe zweier Hochschulen, die unzerstörte Umgebung, die schöne Natur, die liebe, heimatliche Gegend! Auch würde aus größerer Distanz Deine Konkurrenz hier nicht stören, und etwa eine Möglichkeit zu Vorlesungen bleiben. Aber wird es nun nicht zu spät
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| sein für das Alles??
Daß Du dort die Sysiphus-Arbeit los bist, kann mir nur lieb sein. Nach allen kurzen Bemerkungen hatte ich schon bald diesen Eindruck, aber ich hätte es mir auf andre Art gewünscht. Du weißt ja, wie ich alles, was Dich angeht im Herzen ahnend miterlebe. – Heut nacht träumte ich wieder einmal sehr tröstlich von Dir. Das ist immer wie eine Art Gegenwart in Wirklichkeit. Wenigstens ist es ja die Art, mit der ich mich begnügen muß. – Von dem Schreiben der Frl. Dr. Dorer an S. M. vom 21.X. habe ich einen Durchschlag, den ich nun an Dich schicken werde. Obs noch was nützt? An sie selbst schrieb ich soeben auch. Sie wird sehr erschreckt sein, denn es lag ihr sehr viel daran. –
Mit dem Heizen für die eigentliche Kälte, die jetzt einzusetzen scheint, wird es sich einrichten. Drechslers wollen mir ein sogenanntes Kanonenöfchen leihen, und darauf kann man auch einen Kochtopf stellen. Die Hoffnung auf 1 Ctr. Briketts schwebt auch in der Luft, Holz ist vorläufig da; also wirds schon werden. Womit könnt Ihr denn <gestrichener Buchstabe> den Lehmofen heizen? Ach, Du wirst Dir vorstellen können, mit welcher Ungeduld und Spannung ich die Antwort auf den wichtigen Brief erwartete – und nun wieder die Enttäuschung. Aber für Deine beiden lieben Schreiben danke ich Dir innig, Du Treuester, Einziger, mein geliebter Freund. Susanne und Ida schicke ich herzliche Grüße und Dir mein unablässiges Gedenken.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 3] Frl. Dr. Dorer wohnt Darmstadt Fichtestr. 32. Es handelt sich um eine Anstalt für Lehrerbildung mit akademischem Rang.