Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Dezember 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Dezember 45.
Mein einziger Freund!
Deine lieben Briefe vom 7. u. 12. November habe ich erhalten und den zweiten sogleich beantwortet. Denn es erschreckte und betrübte mich sehr, daß das Schreiben, das mir so wichtig war, nicht in Deine Hände kam. Außerdem habe ich dann auch den Schreibmaschinen-durchschlag an Dich gesandt, dessen Original damals an Dich abging. Ob nun diesmal die Sendung durchkam, ist mir natürlich eine große Frage? – Ich kann garnicht genau sagen, aber ich glaube, am 28.XI. geschrieben zu haben. Ich komme sehr selten dazu aus fünferlei Gründen: 1. das kalte Zimmer, 2. die viele Mühe, die der Einkauf und das Kochen bereitet, 3. die Verpflichtung, möglichst viel zu liegen, 4. sind meine Augen entzündet und hindern mich ziemlich stark, besonders abends, 5. bin ich überhaupt sehr unfähig. – Ich will jetzt versuchen, mir einen Schreibeplatz im Liegen einzurichten, aber ich werde dann mit einem Stift schreiben müßen, denn mit der Feder geht es nur, wenn der Bogen flach liegt. –  –
Das Wetter scheint Mitleid mit den vielen Leuten ohne Ofen zu haben, denn es ist außergewöhnlich milde.x [li. Rand] x sodaß mein Sparherdchen die Küche auf 13°R erwärmte. So friere ich auch nicht gerade, aber ich komme ja auch nicht viel zum Stillsitzen. Auch die Gedanken sind immer unterwegs, und wohl ebenso zwecklos, wie mein gegenwärtiges Dasein. Mit Ungeduld warte ich auf die Entwicklung der Fragen, die mir Dein lieber Brief andeutet und
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| wüßte so gern, wie Du den durch Dr. Dorer gemachten Versuch, Dich hier in die Nähe zu locken, beurteilst. Natürlich wird die andere Sache Deiner Stellung mehr entsprechen, nur hätte mich die ganze Situation so sympathisch berührt. Ich hätte es mir unter den heutigen Bedingungen als eine verträgliche und sogar sinngemäße Lösung denken können. Natürlich hat Dr. D. sehr auf Antwort gewartet. Sie hat wohl ebenso wenig wie ich mit einem Verlorengehen gerechnet. – Du hattest auch sonst allerlei zu berichten, was mir zunächst bei dem ersten Schrecken über den Verlust in den Hintergrund trat. Bei mir ist auch von anderer Seite allerlei Nachricht gekommen. Briefe von meiner Schwester, Nichte Mechtild mit Berichten. Ich weiß nicht, was ich davon schon meldete, drum schreibe ich nochmal. Hermann und Hete sind in Dänemark in einem Flüchtlingslager, wo es ihnen leidlich gut gehen soll. Hermann unterrichtet 300 Kinder und hält Vorleseabende mit der dortigen Marinebibliothek. Irmgard ist in Schleswig technische Assistentin, Mechtild selbst ist in dem Kloster, wo sie im Lazarett war (jetzt Zivilkrankenhaus) noch weiter tätig, hat auch Privatpatienten, und sorgt außerdem für Dieter, der auch in Tutzing wohnt, und in der Münchner Nervenklinik der Universität als Volontär-Assistent angestellt ist, trotz der einen Hand sich gut und befriedigt eingearbeitet hat, wenn auch noch ohne Gehalt und Verpflegung. Über ihn war ich bisher so sehr beunruhigt und ganz ohne Nachricht. – Gisela studiert in Bethel Theologie und die Jüngste: Helga hat am 24.I. in Essen einen Pfarrer Gerhard Saß geheiratet, den sie aus Stolp und Greifswald kannte. –
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Meine Schwester hat weniger Gutes zu melden. Sie schreibt, daß sie nicht mal einen Koffer aus dem Luftschutzkeller retten konnten und froh waren nach 18 Stunden überhaupt noch aus dem brennenden Hause zu kommen. Der Weg von da nach dem Krankenhaus war der erste Ausgang von Carl nach einer schweren Diphterie, und im Krankenhaus lag er dann auch noch fast 4 Wochen mit einer Bronchitis. Aber jetzt kann er wieder seine Station versorgen und der junge Oberarzt hat sich sehr kollegial und angenehm zu ihnen gestellt. – Von den Töchtern sind Lili und Hilde nach 6 Wochen Ausquartierung wieder im eignen Hause; aber Hilde mußte bei Bauern arbeiten, besonders während der Kartoffelernte und beim Dreschen den ganzen Tag. Lili hat 5 Kinder zu versorgen, Haushalt, Garten, Acker und Holz beschaffen, da zwei große Kisten verbrannten. Es ist enorm, was die jungen Frauen jetzt leisten. – Inge die Mittlere ist mit ihrem Mann: Gronstedt, in Burgdorf bei Hannover bei den Schwiegereltern. Sie sowie Mädi haben es also am besten, denn von den beiden anderen Schwiegersöhnen haben sie noch keine Nachricht.
Hier sprach ich dieser Tage die jüngste Wille, Schwester von Elsbeth Gunzert, die völlig erschöpft und verwahrlost hier ankam. Sie ist in Danzig-Zoppot gewesen, hat Kohlen getragen, Straßen gekehrt etc., bis sie endlich fortkommen konnte. Sie ist also auch eine von den ganz Mittellosen – – und dabei so schwerhörig, daß sie schwer Beschäftigung findet.
Wohin man hört: Berge von Sorgen. Herr v. Schoepffer liegt im Krankenhaus mit Blasenoperation. Dasselbe hat mein Vetter Hans in Minden durchgemacht. Von
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| ihm schrieb seine Tochter Friedrun: "die Eltern ständen auch mit einem Fuß auf der Straße" – vielleicht war er P.G.? – – Das sind so die Dinge, die man täglich hört. Sonst wird noch viel vom Essen gesprochen, von der erhöhten Brotration und dem lange entbehrten Zucker. Wir haben es hier wirklich noch gut und hoffen sogar auf einen Ctr. Briquettes. Ich habe jetzt von Frl. Drechsler einen kleinen Ofen geliehen, der dieser Tage vom Installateur angeschlossen werden sollx [über der Zeile] x ist soeben am 24.12. geschehen. Nun kann ich also heizen!! und so darf die Kälte jetzt kommen. Ich habe 7–8 Ctr. Holz schön gespalten, und selbst aufgesetzt auf dem Speicher stehen, etwa 1½ Ctr. habe ich schon zum Kochen verbraucht. Ich bin froh, daß Ihr auch einen Ofen habt, und hoffe, er bewährt sich. Es sind überall die gleichen Nöte und die gleichen Zukunftsaussichten. Ist es möglich, daß es da noch Leute mit Illusionen gibt? – Dr. Matussek besucht mich öfters und hat mir wiederholt zusätzliche Dinge gebracht, die ihm aus Württemberg zukommen. Er hatte mal an Dich geschrieben wegen einer Unterredung mit Jaspers, und auch wohl wegen seiner Arbeit. Er war etwas überarbeitet, hofft aber bald abschließen zu können. Auch ihm hatte Verlust der Wohnung und sogar Evakuierung gedroht. Er versichert mir jedesmal, wieviel mehr er in Berlin an Eingehen und Hülfe gehabt habe als hier.
Es wäre noch viel zu sagen, aber schreiben läßt sich wenig. Mehr noch hätte ich zu fragen, Persönliches und Allgemeines. Über Letzteres werden wir so ziemlich durch die Rhein-Neckar-Zeitung (die viel besser ist als unsre frühere) auf dem Laufenden gehalten. – Ich grüße Susanne und Ida. Und auch Dir viel innige Grüße und Wünsche. Bleibt gesund und tapfer. Es muß doch durchgehalten werden.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 3] Wo ist das unscheinbare kleine Buch geblieben, das ich Susanne vorm Jahr schickte? Ich denke oft mit Verlangen daran. Ich wollte, <Fuß> ich könnte es eines Tages bei Euch abholen!