Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1945 (Heidelberg)


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<Brief teilweise sehr undeutlich – nicht richtig durchgedrückt, da im Liegen geschrieben>
Heidelberg. Am Heiligenabend.

No 2.
[von fremder Hand] Stempel 26.XII
erhalten 1.I
Mein einziger, geliebter Freund!
Freundliches Glockenläuten lockt die Menschen in die Rohrbacher Kirche, aber ich will lieber unter dem Tannengrün mit den goldenen Nüssen, das wie immer meine Zimmerecke schmückt (diesmal in der Wohnküche) mit Dir zusammen sein. Ob auch irgendeiner meiner Briefe in diesen Tagen bei Dir eintrifft? Es wäre hübsch, wenn ich auch keinen eigentlichen Weihnachtsbrief schrieb. Auch der Kalender, den ich anfing, ist nicht fertig geworden durch die Ungunst der Umstände. Du weißt von Susanne, wie zeitraubend das Haushalten jetzt ist, denn vieles bleibt sich darin gleich für einen Menschen oder drei und mehr. "Im Gegenteil", bei mehreren teilt sich auch wieder die Besorgung der Sachen außerhalb. Bei mir aber kommt die größte Langsamkeit hinzu, die mit meiner Angegriffenheit zusammenhängt. Ich hatte auch inzwischen einen abscheulichen Katarrh, noch ärger als Kersch in Alpirsbach und anschließend üble Augenschmerzen. Es war dabei auch ein kleiner Rückfall des übrigen Zustands, den ich mit erneuter Strenge im Befolgen der ärztlichen Verordnungen bekämpfte. Denn Frl. Dr. Cl. konnte ich nicht aufsuchen. Sie hatte Diphterie und anschließend Rippenfellreizung. Ab 1.I. ist jedoch wieder Sprechstunde. Die Krankenzulage an Milch und Nährmitteln ist mir aber wieder verlängert worden. Ich bin auch überhaupt mit Verpflegung so gut daran, wie es heute und hier möglich ist.
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| Auch sorgen gute Freunde oft für allerhand nebenher, so brachte Dr. Matussek mal Fett, was ja sonst rar ist, und etwas Kaffee. In der Gärtnerei von Frau Dr. Deetjen bekam ich alle Woche Tomaten, Gemüse und Äpfel – je nachdem es vorrätig war. Und warm ist es jetzt auch bei mir, wenn der kleine Ofen nicht so frei ist, auszugehen, weil ich ihn nicht genügend bediene. Denn das ist die Schattenseite der Holzfeuerung, daß man beständig nachlegen muß. Womit heizt denn Ihr?
Vorgestern kam Dein lieber Brief [über der Zeile] 4. vom 1.XII. als Weihnachtsgruß, wie Du mit Recht vermutest, nachdem ich über 2 Wochen gewartet hatte nach dem Eintreffen von No 3.!! Habe Dank für Dein getreues häufiges Schreiben. Ich konnte mich garnicht dazu aufraffen, teils aus äußeren Hindernissen, teils aus Neurasthenie. Ich hatte allen Mut verloren, die Mauer der Verkehrshindernisse zwischen uns zu durchbrechen. Ohnehin kann man ja doch nicht so schreiben, wie man fühlt, und was man fühlt. Denn es bewegt beständig meine Gedanken, wie es all den Notleidenden in der Ferne geht, vor allem auch Dir, mein Einziger. Noch immer hat Dein Schreiben vom 1.XII. nichts von der Sache erwähnt, die Frl. Dr. Dorer mir mitteilte und die mir so verlockend erschien. Vielleicht war es ja aber für Dich garnicht das Richtige, vielleicht ein äußerer Abstieg im Beruf. Ich weiß es nicht, wie weit nur die Lebensbedingungen für mich dabei mitsprachen. Wie wäre meine Freude gewesen, wenn das Weihnachtsfest mir die Nachricht gebracht hätte: es wird etwas daraus!
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Lieber, Du wirst den Eindruck haben, daß ich zunehmend versimple, und da hast Du recht. Was möchte ich Dir doch alles mitteilen, aber im geeigneten Moment ist es nicht bereit! Ich will zunächst mal berichten, daß es dem Ehepaar v. Schoepffer wieder besser geht. Er muß aber noch länger im Krankenhaus bleiben. Morgen, 1. Feiertag, bin ich bei Frau Heraucourt und Tochter zum Mittagessen, und am 2. Feiertag sind Drechslers, Mutter und Tochter, zum Kaffee bei mir. Gertrud Kohler hat mir einen herrlichen Christstollen geschickt, so eine Art Früchtebrot. Nur vermißt man an allem etwas den Zucker. Auch ich habe ein wenig Weihnachtsgebäck gemacht mit dem letzten Rübensirup, den ich noch nicht verschleckt hatte. Denn ich bin schrecklich hinter Süßigkeiten her. – Könnte ich Dir doch nur ein Päckchen schicken. Aber es ist garkeine Gelegenheit. Auch das zweite Paar Socken wartet immer noch auf Beförderung. In der Zeitung stand mal wieder Dein Name im Zusammenhang mit dem Kulturrat zur Dem. Ern. – Als Mat. zum Essen bei mir war, veranlaßte ich ihn, mir Deine Einführung zu Fichte's Reden vorzulesen, während ich auf dem alten grünen Lehnstuhl lag. So hatten wir eine sehr schöne Stunde mit Dir. – Und eine kleine Apothekerin, Freundin von Ursel Kohler, hat einen Freund, der Lehrer werden möchte und sich Bücher von Dir wünscht. Es gibt aber nichts zu kaufen, da habe ein Exemplar der "Gedanken über
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| Lehrerbildung", das von Aenne kommt, für ihn geschenkt. – Bei uns hier wird nun also auch die phil. Fakultät eröffnet. Ich glaube am 9. Januar. Eine Enkelin von Ernst Schwalbe, hatte im Oktober vergeblich den Versuch gemacht, hier weiter zu studieren. Vielleicht kann sie jetzt kommen. Ich schrieb ihr gleich. – Ist es nicht seltsam und hübsch, diese Parallelität unsres Erlebens? Während Du Besuch von Frl. Dr. Lotter bekamst, schrieb mir am 30.11. Emmy Frommherz!! Sie haben nach viel fremden Gästen jetzt das Haus geschlossen. Es geht ihnen gut, aber Emmy hat eine 4. Operation durchgemacht und Hannelore den angehenden Bräutigam in Rußland verloren. Ach, wie sehne ich mich nach der lieben Insel! – Und was nun immer im Unterbewußtsein mit mir geht, ist die Sorge um meine Familie. Von Mechthild aus Tutzing hatte ich allerlei Nachricht. Aber mit den Eltern scheinen sie noch keine direkte Verbindung zu haben. Die Frau von Günther steht mit dem Töchterchen vor dem Nichts. Die beiden Rugetöchter auf Rügen mit zusammen 5 Kindern wissen nichts von den Männern. – etc. Auf Otto Kohler und Buttmi wird immer noch gewartet, auch Dr. Drechsler ist nicht aus Italien da. – Im Januar soll ich wieder für Dr. Cibis zeichnen, da habe ich doch wieder etwas tägliche Aufgabe und nicht nur die Sorge für mein bißchen Ich. Das ist ohnehin so armselig, mager und kahlköpfig, daß Du keine Freude daran hättest! – Aber alles, was noch von Wärme und Innigkeit in mir ist, das gehört Dir und umgibt Dich mit sorgenden Gedanken, Dich und Susanne, und immer wieder Dich! Seid gegrüßt und bleibt tapfer auch im neuen Jahr. Laßt uns einem Wiedersehen entgegen leben und hoffen.
<li. Rand>
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Seit 2 Tagen habe ich das Gefühl, daß mein Befinden aufwärts geht.