Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Dezember 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sylvester 1945/46

No 3.
Mein einziger, geliebter Freund!
Heute kam Dein schöner, mich beglückender Weihnachtsbrief [über der Zeile] vom 12.XII., der endlich den Bann löst, den die Unerreichbarkeit auf mich gelegt hatte. Habe Dank, daß Du ihn schriebst, ihn mir zu Weihnachten schenktest, denn solch Brief ist ja unendlich schöner als jedes Geschenk, das man kaufen könnte. Er kam gleichzeitig mit dem großen Umschlag und den persönlichen Aufzeichnungen, der am 20. abgestempelt ist. Morgen werde ich das neue Jahr mit dem Lesen dieser Blätter andächtig beginnen, denn ich fühle schon bei der ersten Seite, wie nahe mich das alles angeht.
Heute aber soll nur dieser Brief Antwort geben auf den Deinen. Wie immer staune ich wieder über die selbstverständliche Gleichzeitigkeit in dem was uns beschäftigt. Gerade jetzt hatte ich auch das zwingende Gefühl der Einmaligkeit alles Geschehens, aber bei allem bleibt mir doch immer bewußt, daß alles eine Wiederholung des Gleichen ist, denn in uns ist etwas Bewahrendes für den ewigen Kern, der Leben heißt. Dies Teilhaben am Ewigen ist mein Teil, wie Du es sehr richtig herausfühlst, es wird zu einem Teil von mir und geht darum nicht vorüber. "Kein Wesen kann zu nichts zerfallen" – nur die Form der Erscheinung wechselt. Freilich ist es
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| nicht möglich, die Vorstellung einer weisen Weltregierung festzuhalten im Anblick all des grauenvollen Elends, das um uns geschieht. Es kann jeder nur im eignen Kreise die Gewißheit einer sinnvollen Führung finden. Und die ist nun einmal in mir sehr stark. Du weißt ja: "was auch geschieht – Immerdar." Das hat angefangen mit dem Traum um die Zeit Deiner Geburt, von dem ich Dir einmal auf dem Wege von Reinbach nach Neckarhausen erzählte. Immer wieder habe ich seitdem Erlebnisse gehabt, die nicht aus dem äußeren Zusammenhang meines Daseins kamen, sondern mich gewissermaßen von mir selbst lösten und mich in ein Gefühl flutenden Strömens fortrissen. So zuerst an dem Waldesrand oberhalb von Wilhelmsfeld, wo wir die Häherfeder fanden und wo sich für einen Augenblick unsre Augen entscheidend begegneten. So war es auf dem Wege zur Waldburg in dem Wiesental im Anblick der Burg, wo ich auf einmal völlig der Zeit und Gegenwart entrückt war, ein zeitloser Pilger nach heiligem Ziel. So war es ganz stark bei einem Deiner sommerlichen Besuche in Heidelberg auf einem Wege abends nach Haus am Stadtgarten-konzert vorüber; Du sagtest "Attmest Du nicht mit mir die linden Lüfte" – ich aber fühlte mich wie getragen in einem Fluten, das mich in ein Allleben fortriß. – Und so gibt es noch vieles. Mit dem Reflektieren kommt
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| man an diese Dinge nicht heran, aber sie sind "Wirklichkeit" für das Bewußtsein. Immer ist mir unser gemeinsamer Weg wie eine Höhenwanderung an gefährlichem Abgrund erschienen. Möchte ich doch schwindelfrei bleiben und Dir Halt und Sicherheit geben können! Das alles kann nicht nur so Zufall und persönliche Deutung sein, ich empfinde es deutlich als das Hineingreifen eines Überpersönlichen in meine begrenzte Existenz. Da ist ein Sinn und ein Zweck, der erfüllt sein will bis ans Ende. Darum sorge nicht, daß ich der Verpflichtung untreu werden könnte, die ein Gott mir auferlegte, denn sie ist ja mein Lebensinhalt und mein Glück. Darum hat mich auch Dein lieber Brief, der doch eigentlich recht trüber Stimmung ist, glücklich gemacht und mich vor mir selbst gerechtfertigt, daß ich jetzt so egoistisch für meine Gesundheit sorge, denn Du läßt mich wieder fühlen, daß Du mich brauchst. Wir können den großen Zusammenhang nicht übersehen, in dem unser Leben steht. Es ist unendlich schwer für Dich im Augenblick, aber wir können nur aushalten da, wo uns das Leben hinstellte, und das sein, was wir von innen heraus sein müssen.
Es tut mir leid, daß die Aufgabe in Jugenheim Dir nicht liegt. Ich hatte das eigentlich gehofft,
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| denn ich glaubte, gerade die kommende Lehrergeneration brauchte das Fluidum Deiner Geistigkeit. Und was den Kursus eines Jahres anbetrifft, so wäre wohl ein Jahr unter dem intensiven Zusammensein mit Dir mehr wert als drei unter anderen. Und Du wärst doch so willkommen gewesen, während das sonst recht fraglich zu sein scheint. Du weißt doch, was Troeltsch von den Herrn Kollegen und den heiligen Affen von Benares sagte. Auch malte ich mir aus, daß daneben auch Gastvorlesungen hier wieder neue Möglichkeiten in dieser Richtung eröffnen könnten. Ob Du wirklich die Sache so ganz von der Hand weisen solltest? Oder ist Göttingen wirklich aussichtvoll mit den vielen befreundeten Namen? Das wäre mir lieber als H. –  – Ich weiß noch gut, wie wir damals von Kassel aus dort waren. Es schien recht kleinstädtisch.
Ich hatte doch nicht Unrecht, daß ich in Sorge war wegen Eurer Heizung. Wie arg, daß dem nicht abzuhelfen ist! Bei mir brennt (seit dem 10.XII. etwa) ein tadelloses Öfchen, das mir Drechslers geliehen haben und die kleinen Bäume sind jetzt in jeder Beziehung mein Vorteil. Es ist im Umsehen warm in der Küche, wo der Ofen neben dem Gasherd steht und ich kann auch darauf kochen,
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| wenn auch nur mit einem Topf. Das Gas steht uns nur nachmittags von 6–8 zur Verfügung.
Bei Drechslers ist viel Krankheit. Die Tochter ist schwer [über der Zeile] an Herz- und Nieren krank, hatte jetzt sogar eine Augenlähmung dabei. Um den Sohn sind sie in Sorge, da er noch immer irgendwo in einem Gefangenenlager steckt. Aber nicht mehr in Italien, sondern in Deutschland. – Auch bei Schoepffer’s kann man immer nur trösten und Mut zu machen suchen. Der alte Herr ist noch immer im Krankenhaus, und die Frau darf nur 1–2 × in der Woche den Weg dahin machen – auch wegen eines schwachen Herzens! Da bin ich immer noch ein Held dagegen, und nur die Angewohnheit, nicht ganz gesund zu sein, läßt mich die "Kränkliche" spielen. Es sind ja tatsächlich etwas Kreislaufstörungen da, weniger Schwellung in den Füßen, als mehr ein Prickeln und Taubheitsgefühl, in den stark kalten Tagen sogleich drohendes Erfrieren der Finger, und vor allem die Blutleere im Kopf, die mich so energielos machte. Aber ich bin jetzt wieder ganz gut zu Fuße und überhaupt leistungsfähiger und freue mich, daß mir in der Augenklinik wieder Arbeit angekündigt ist. Hoffentlich heizen sie dort auch.
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| Ich habe übrigens tatsächlich niemals wirklich zu Hause gefroren, weil ich mich sehr dick anzog und wenig still saß, sondern dann eingewickelt in Decken lag. Ich merkte aber, wie ungemütlich es gewesen war, seit ich heizen konnte. Der erhoffte Ctr. Briketts ist freilich nur ½ geworden, aber ich habe einen guten Vorrat von Holz, da wir bereits 10 Ztr. bekamen und ich sehr überlegt und sparsam damit umgehe, daß die Wärme nicht nutzlos in den Schornstein fliegt. – Es ist mir so schmerzlich, daß ich es in allem so viel besser habe als Du. Rösel schenkte mir Dextropur, das ich Dir so gern schicken würde; von 7 verschiedenen Seiten bekam ich feines Weihnachtsgebäck, kurz ich bin sehr verwöhnt worden und hatte es gar nicht verdient. Denn ich hatte für niemand, nicht einmal für Dich, ein Geschenk.
Aber daß ich am Weihnachtsabend mit all meinen Gedanken bei Dir war, sagte Dir mein Brief, der hoffentlich inzwischen bei Dir ankam. – Ich kam darin auch auf das kleine Buch der Margarete Moor zurück, das mir gerade in religiöser Hinsicht eine wunderbare Kraftquelle war und auch durch die Bilder von Holbein, die Du mir gleichzeitig aus Moabit schicktest, doppelt beziehungsreich wurde. Ist es nicht erreichbar? Susanne fand leider, man müsse es Dir fern halten. Ich las daraus nur von der überwindenden Kraft echter Frömmigkeit und einer reinen Seele. Daß Du
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| die Menschen im Bilde sahst, während ich mit ihrem Schicksal erfüllt war, schien mir wie so manches bedeutungsvoll. Jetzt nun, mein liebster Freund, wo Du beruflich zu kämpfen hast wie jener Thomas um seinen verweigerten Eid, könnte Dir gerade diese feinsinnige Dichtung helfen, über alle persönliche Enttäuschung hinweg, das Gleichgewicht im eigenen Selbst und dem Vertreten einer Überzeugung zu finden, deren Wert überlegen ist, auch wenn sie nicht durchdringt. Heißt es doch immer von neuem: "Stirb und werde"! Wie viel lebendiges Echo in Menschenseelen kann Dir doch Gewißheit geben von dem, was Du bist und wirkst. – Da ist schon dieser Dr. Matusseck, der mir immer erzählt, wie er nirgend solche persönliche Förderung fand, wie bei Dir. Hattest Du eigentlich den Brief von ihm schon länger? Er muß auf irgend etwas Antwort erwartet haben, vielleicht wegen Tübingen? Dort wollte ja J. Dich hinempfehlen!
– Immer wieder wird mir der Januscharakter des Lebens bewußt. Ist das Individuum das Ziel, ist es das Allgemeine, das Ganze? Das Buch von Emil Bock hat mich mit solchen Gedanken viel beschäftigt. Bei Dir liegt der Ton mehr auf dem Persönlichen, bei mir mehr auf dem All. Es wird mir nicht so schwer, mich aufzugeben,
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| und ich fühle mich auch nicht dadurch zerstört. Bleibt da als Bild die Seelenwanderung! Es ist mir nicht ganz überzeugend, aber es wäre eine Vermittlung zwischen uns. Und was ist denn eigentlich dies Ich, diese Seele? Sie ist doch nicht eine zufällige Zusammenballung dessen, was wir Materie nennen. Also ist das was stirbt nur die Erscheinung. Aber mit dieser Erscheinung entschwindet uns das Band mit diesem Menschen, das ist, was uns so schmerzt. Warum soll es nicht wirklich eine Existenzform nach dem Tode geben, die uns ein reineres und volleres Sein im All ermöglicht?
Doch ich habe weit ins neue Jahr hinein an diesem Brief geschrieben und bin doch an kein Ende gekommen. Wenn der Brief morgen zur Post soll, muß ich aufhören. So will ich Dir von allem Äußeren nächstesmal erzählen und heute nur noch einmal innig danken für all die treue Fürsorge, die aus Deinen Zeilen spricht, und Dir in immer gleicher Liebe danken für alle Liebe, die ich über alle Hindernisse hinweg beglückend fühle. Könnte ich nur wirklich etwas für Dich tun!
Susanne und Ida grüße ich vielmals. Möchtet Ihr Weihnachten in Friedensstimmung verlebt haben. Immerdar
Deine Käthe.

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|<Begleitzettel zu Taschenkalender, geschrieben vor dem Brief>
Vorläufig kein "vollwertiger Ersatz" – aber viel treue Wünsche! Brief kommt auch heute noch, und der andre Kalender bald. Es geht mir besser und würde gern dasselbe von Euch hören. Seit Deinem Brief vom 2. Dez. kam nichts mehr.
AEI   D. K.