Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Januar 1946 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 2. Januar 1946.

Nr. 8.
erhalten am 1.I.
Deine Nr. 2 vom
24.XII.
Meine einzige Freundin!
Deinen lieben Brief vom Heiligen Abend habe ich ungewöhnlich schnell erhalten. (Stempel v. 26.XII.) Ich hoffe, daß Du inzwischen endlich meinen mit der notgedrungenen Stellungnahme zu dem Jugenheimer Plan erhalten hast und mir zugeben wirst, daß ich trotz der verlockenden Nebenumstände nicht auf das liebenswürdige Angebot eingehen konnte. Besonderen Wert aber lege ich darauf, daß Du Nr. 6 erhalten hast, denn dieser Brief war 32 Seiten lang.
Die Berichte über Dein Befinden kann ich nie ohne Beunruhigung lesen. Wenn es bei Dir nun auch ein wenig wärmer ist, wäre doch viel mehr nötig. Du brauchtest Pflege statt der anstrengenden Besorgungen. Daß Matussek ein wenig hilft, höre ich gern. Er ist überhaupt ein Mensch, wie man ihn selten findet. Jetzt ist auch Delekat (zur Vertretung an der Universität) in Heidelberg, Leopoldstr. 48, ebenfalls ein guter alter Freund. Daß Du in der Augenklinik wieder anfängst, befriedigt mich nur halb. Die Wege! etwa bei Glatteis oder in der Dunkelheit! Bitte nicht ohne Stock ausgehen! Möge die Besserung bei v. Schoepffers anhalten!
Wir haben seit 8 Tagen Zentralheizung. Ein Heer v. Handwerkern hat das Haus 3 Wochen lang
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| repariert, natürlich nicht für uns, sondern für die Amerikaner. Es ist demnächst mit starker Belegung zu rechnen.
Ich habe sehr viel zu tun gehabt, auch mit Briefen über Briefen, vor allem aber mit der Pestalozzirede für Hamburg, die nun unter vielen Mühen fertig geworden ist. Ich hoffe, jedoch mit vielen Fragezeichen, dank einer Quäkervermittlung mit dem Auto hinzukommen. Ob aber auch rechtzeitig zurück?? Es könnte dadurch auch eine Briefpause entstehen.
Eben hat mir Susanne einen Brief aus Alpirsbach vorgelesen. Es ist ganz sonderbar, nun 4 Verwandte dort zu haben, wo wir so rüstig wanderten.
Deine Familie ist mannigfach betroffen; aber Mediziner und junge Leute kommen immer wieder empor; nur für die Kriegerwitwen ist es schwer.
Zu denen, die verloren zu geben sind, gehört einer meiner Besten: Dr. Copei, Kollege von Drechsler, der ja auch noch fern ist; vermutlich auch Oelrich (Frau aus Tennenbronn i. Schwarzwald) – Von Meineckes wären die Nachrichten gut, wenn sie sich nicht schwer verbrüht hätte. Die Saarbrücker sind wieder bei einander. – Lore Ludwig ist in der Tschechei mit dem Kind interniert, galt schon als verloren. Erika ist in Geislingen, Lotte Geppert als Frauenschullehrerin wieder in München; Dessoirs dauernd in Königstein. Über das friedliche, aber trockene Leben in Heidelberg berichtete neulich der "Tagesspiegel", eine unserer bedeutendsten Zeitungen, für die ich schreibe. Gestern hatten wir Besuch von Redslob (früher Reichskunstwart) – In der Hauptbeziehung hier keine Fortschritte, aber sehr stark das Gegenteil.
Klara Rauhut mit Lungenentzündung im Krankenhaus – so ist es überall trübe und schwer.
<li. Rand> Die Verpflegung für mich ist jetzt völlig ausreichend, ob auch für Suse und Ida?? Aber das Minus gleicht sich nicht so schnell aus. Alkohol fehlt ganz u. die Pfeifen müssen sehr <re. Rand> rationiert werden. Hoffentlich kannst Du meine [über der Zeile] kleine Schrift noch lesen. Vergiß nicht das, was immer zwischen den Zeilen steht! Viel Herzliches von uns beiden! Dein <Kopf> Eduard.
[li. Rand S. 1] Hans Adelesohn hat sich für hier gemeldet. Jetzt passende Höhenlage.