Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Januar 1946 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 10.I.46.

Nr. 9.
Nr. 8 war vom 3.I.
erhalten Nr. 3 (Silvester)
und mit besonderem Dank das Kalenderchen.
Meine einzige Freundin!
Heute kann es nur ganz kurz sein. Aber meine Nr. 5 und Deine Nr. 3 waren wieder einmal "Briefe", wie wir sie uns früher geschrieben haben und wie sie dieses Namens wert sind. Es mußte sich in uns gleichsam alles erst langsam lösen. Ich war nicht einmal auf die Idee gekommen, daß ich jetzt über Moabit und seine Ursachen ganz offen schreiben könnte. (Die unmittelbare Gegenwart verträgt es noch nicht so gut,) Dies wird also demnächst geschehen. Was die damalige Lektüre betrifft, so vertrug ich garnichts das Herz Berührendes. Susanne hat es also fern gehalten. Dann kam alles in die Luftschutzkoffer, schließlich in die Ausquartierungskoffer und nun in die ungewöhnlich engen Räume. Kurz: Susanne sucht; wenn sie gefunden hat, werde ich lesen, und das kleine Buch wird mit Dank zu Dir zurückreisen. Heute nur die Bitte um Nachsicht und Geduld.
Ich schreibe heute in der Tat nur, um Dich über die äußeren Vorgänge zu unterrichten: Am 4.I. hieß es, meine Fahrt nach H. sei technisch unmöglich, am 5.I. kam die freundliche Berichtigung, ein Platz im Flugzeug stehe für den 10.I. zur Verfügung. Gestern (9.I.) wurde
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| Beförderung auf den 11.I. verschoben, den letzten Termin, der noch zweckdienlich wäre. Am 6.I. muß ich mir eine Art Grippe geholt haben oder ein Nervenelend ausgebrochen sein. Denn ich fühle mich höchst miserabel, und es ist mir sehr lieb, daß ich nicht schon heute reisen mußte. Rückkehr hoffentlich Mitte nächster Woche. Der Kalender wird in H. zuerst gebraucht werden. Die weiter nach innen liegenden Motive der Reise haben sich sehr verstärkt. Es ist jetzt alles ganz deutlich.
Das M. der Festrede ist schon nach H. vorausgesandt. Wie viel Aufregung bringt jetzt ein solches Unternehmen mit sich! Mein Herz – ohne allen Alkohol, mit sehr wenig Pfeifentabak – ist ohnehin recht klapprig.
Mein verspätetes Weihnachtsgeschenk für Dich ist also doch wenigstens zu Silvester angekommen. Es ist nicht etwa so, daß ich in der sonstigen Darstellung schon da angelangt wäre. Bisher war nur eine Sonderskizze: "Meine Studienjahre" entstanden. Wenn ich nur jemand hätte, der so etwas abschreibt, dann könntest Du das auch lesen. Aber meine Hand allein schafft das alles nicht. Du weißt ja: um die Jahreswende geht es immer mit den Briefen bis an die 100.
Auch für heute muß ich Schluß machen; es ist, wie gesagt, nur ein Gruß. Wie geht es bei v. Schöpffers? Hat es in der Augenklinik schon begonnen? Die Tüchtigkeit des Ofens <li. Rand> beruhigt mich. Herzliche Grüße von Susanne u. Ida
In inniger Dankbarkeit Dein Eduard.