Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Januar 1946 (Berlin)


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19.I.46.

Nr. 10.
Nr. 9 war vom 11.I.
erhalten zuletzt Nr. 4.
7./8.I.
Meine einzige Freundin!
Hauptpunkt: ich war nicht in H. Am 10.I. ging kein Flugzeug. Am 11.I. wurde ich liebenswürdig nach Gatow gebracht, Gepäck schon abgenommen, da: wegen Nebels keine Landung in H.; wieder nach Hause gebracht; unterwegs lebhafte engl. Unterhaltung mit Professor aus Cambridge. Am 12.I. – also am Festtage, wieder liebenswürdig abgeholt; kein Flugzeug ging. Als ich am 13.I. für den 14.I. noch einmal aufgefordert wurde, hatte ich nicht mehr die Kraft. Dies war vermutlich falsch. Aber ich hatte die ganze Woche eine latente Grippe gehabt. Man gibt doch nicht viel her. Nun habe ich endlos lange Briefe nach H. geschrieben. Denn die Sache selbst wird eindeutig immer dringender. – Übrigens kann das tätige Interesse der Br. nicht genug gerühmt werden. Aber ob sich der Sesam noch einmal öffnet, bezweifeln sie selbst. Schließlich wird man williges, leidendes Objekt der Vorsehung. Was hat sie vor?
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Meine Sendung Nr. 6 hast Du anscheinend nicht in die richtige Rubrik eingeordnet. Das Ms. war ausschließlich für Dich geschrieben, als ein zu spät angefangenes Weihnachtsgeschenk. Wie schon mitgeteilt: außer den "Studienjahren" (zum 19.II.45) existiert nichts. Diese werden jetzt auch für Dich abgeschrieben. Susanne hat sich plötzlich aufs Schreibmaschinen schreiben geworfen. Aber es geht noch sehr langsam.
Wir sind um Klara Rauhut in begründeter Sorge. Sie ist seit der Woche vor Weihnachten schwer krank (Lungenentzündung.) Als ich sie am 15.I. besuchte, machte sie auf mich schon den Eindruck einer Sterbenden. Die Schwester wäre ohne sie sehr hilflos. – Oncken ist in Gö. im 77. Jahr gestorben. Petsch in Hamburg schon im vorigen Sommer.
Hans H., früher Vizepräsident der Regierung Potsdam, ist der Mann von Susannes Schwester Jenny. Es hat sich immer noch nichts in seiner Lage geändert.
Ein Oberstudienrat Wilh. Schäfer, jetzt Pasewalk, fragte nach Hermann. Ich konnte nur antworten, daß er in Holstein lebt. Ist eigentlich die Adresse bekannt?
Seit dem 23.XII.45. lassen die Amerikaner die Zentralheizung im Hause gehen. Aber gewohnt hat nur 3 Tage einer drin. Als Du und
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| Wilfriede Haberkorn von Heid. Kälte meldeten, hatten wir übrigens 12° Wärme draußen.
Jetzt einige Nachträge. Meine Verhaftung im Sept. 1944 verdanke ich hauptsächlich der Mittwochsgesellschaft. Mit dem Generaloberst Beck hatte ich, wie Du weißt, ein gutes Verhältnis. In seiner Korrespondenz muß sich eine Bemerkung gefunden haben, ich dächte ebenso wie er. Das war das einzige Gefährliche, das beim ersten Verhör (5 Wochen nach Einlieferung) zur Sprache kam. 3 [über der Zeile] andere Mitglieder der Mi.-Ge. sind hingerichtet worden: der Pr. Minister Popitz, der sehr begabte Botschafter v. Hassell, der Nationalökonom Prof. Jessen. An Sauerbruch ging die Sache hart vorbei. Der 5., der gefangen gesetzt wurde, war ich.
Die Beziehungen zum Grafen Hardenberg kamen hinzu. In Neuhardenberg standen wir im Gästebuch. Dort habe ich, wie angedeutet, auch den Grafen Stauffenberg kennengelernt. Sein (ebenfalls) hingerichteter Adjutant [unter der Zeile] v. Haeften war mein Hörer gewesen, Sohn eines Akademiekollegen, angeblich stiller Verlobter der entzückenden Reinhild Hardenberg. An jenem Abend im (nun mehr ausgebrannten) Schloß las Stauffenberg den Monolog: To be or not to be, englisch. Ich sprach mit ihm über die Reichenaugegend.
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Meine 3. Verbindung war die mit dem General v. Rabenau. Er hat im ganzen Winter 1943/4 bei mir Kolleg gehört. Ende Juli 44 besuchte er mich zum 1. Mal. Am Tage danach wurde er verhaftet. Anscheinend nie verhört, ist er aus dem Gefängnis Moabit, wo mir Theo von ihm Kunde brachte, wo anders hin deportiert und dann ermordet worden. Graf Hardenberg schoß sich bei seiner Verhaftung 2 Kugeln in die Brust. Die lange Krankheit wurde zu seiner Rettung. Auch Reinhild Hardenberg kam ins Gefängnis, besuchte uns aber schon Weihnachten 1944. Der liebenswürdige Generaleutn. v. Schulenburg, Hardenbergs Vetter, kam ebenfalls aus dem Kasten heraus, hat sich aber dann das Leben genommen. Weiter saßen in Moabit: der Sohn v. Planck (hingerichtet), der älteste Sohn v. Harnack (dgl.), der Minister Hartnacke (anscheinend davongekommen.) Der Sohn des Generals Haushofer (mit ihm waren wir v. Japan zurückgekommen; meuchlings erschossen.) Der Sohn v. Bonhöffer (Psychiater) – hingerichtet. Prof. Reichwein, mit dem ich zum 2. Verhör fuhr (hingerichtet.)
Eine vierte Linie soll von mir zu den Würthemberger Theologen gegangen sein. Meinerseits weiß ich da niemanden als Delekat, (jetzt Leopoldstr. 45.) Du
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| siehst, es war nicht ungefährlich, was ich da durchgemacht habe. Ich habe noch viele andere gekannt. Es war eben "mein Kreis". Aber von dem Attentatsplan habe ich nichts gewußt – höchstens von dem Bestehen einer Fronde deutlich etwas geahnt, besonders in Neuhardenberg. Man hat mich übrigens anständig behandelt. Damals half Auslandsgeltung noch etwas; heute nicht mehr. Konzessionen hat man von mir niemals erzwungen, obwohl ich so viel Feinde hatte.
Die arme Frau Malcus ist nun endlich erlöst worden. Auch solche Wege begreift das menschliche Gehirn nicht. Aus Elgershausen wieder ein reizender Brief der alten Freundin Biermann.
Einer meiner Dahlemer Freunde hat Aussicht ins Wiesbadener Ministerium berufen zu werden. Von Jugenheim hat er nichts gehört.
Ich habe nun heute nicht weit vom Centralvieh[über der Zeile] hof in einer Volkshochschule vor 4–500 Laien über Pestalozzi gesprochen, dabei Frau Christ (Elisabeth Borris) wiedergesehen. Hingegen ist die H.er Rede, in feinster Durchformung gestaltet, unbenutzt liegen geblieben. "Nominell" wird morgen die Firma eröffnet, aber nicht für mein Fach. Der Chef der Leipziger Firma ist auch zurückgetreten (worden?)
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| Litt absolut pessimistisch. Der frühere Minister Strecker als Schulrat von Leipzig abgesetzt. Zahl der für die Ph. F. Aufzunehmenden: 240. So eine Hitsche sind wir geworden. Wohl dem, der dafür nicht zu zeichnen braucht. Aber Du verstehst, wie unglücklich ich bin; auch "schwebe" ich ja, und wer weiß, ob bei meinen herabgesetzten Kräften noch etwas glückt.
Augenblicklich habe ich manche Korrespondenz mit Konstanz, habe auch Frommherzens grüßen lassen. Ich schreibe allerhand Tagesaufsätze. In unserer Gegend ist noch kein Verleger produktions berechtigt.
Statt 2 kg. solltest Du 12 zunehmen. Kannst Du nicht durch die Augenklinik Lebertran oder sonst etwas für Dich bekommen?
Klaus MorgnerVater ist wie Gunnar Thiele "Bauarbeiter" – möchte hier studieren. Ich will ihn nach Erlangen empfehlen. Wenke (sehr schweigsam) floriert besser als ich.
Wie mag man in Zürich Pestalozzi gefeiert haben? Es dringt keine Nachricht durch.
Nun muß ich ganz plötzlich Schluß machen; denn ich bin nach diesem Redetag mit all den nachfolgenden Anzapfungen totmüde. Wir beide grüßen herzlichst. Mache Fortschritte in der Gesundheit! Grüße Matussek! Innigst Dein Eduard