Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Februar 1946 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 7.II.46.

Nr. 11.
erhalten Nr. 5     14.I.
     "      Nr. 5(!) 20.I.
     "      Nr. 7.    28.I.
Meine einzige Freundin
Vor dem Beginn dieses Schreibens habe ich ½ Stunde nach Deinem neuesten Brief gesucht. Aber – obwohl mir so ist, als wäre noch einer gekommen: Nr. 7 ist der letzte, den ich vorfinde. Es muß sich ja herausstellen, ob es so ist, wenn Du richtig (!) numerierst. Die Enge des mir zur Verfügung stehenden Raumes macht Ordnung fast unmöglich.
Meine Nr. 10 muß am 19.I. geschrieben sein. Das wäre auch schon länger her, als mir vorkommt. Jedoch war es eine recht üble Zeit seitdem, und auch Ärgerliches kann die Zeit verkürzen. Laß mich über diese Dinge schnell hinweggehen: Am 25.I. politische Gesinnungserforschung. Durch eine russische Kommission (nicht befriedigend.); am 29.I. hochfeierliche Eröffnung der Universität; am 4.II. endgiltige (?) Entscheidung, daß in unserer Fakultät außer Klass. dtsch, engl., rom. und slavischer Philologie nichts
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| gelesen wird. Beunruhigend ist es, daß ich im ganzen Zeitraum seit dem 12.I. kein Wort aus H. gehört habe.
Unser Anglist hat Knall u. Fall einen Ruf nach Bonn angenommen und ist dorthin abgeflogen. Für die Fächer Phil, Psych, Päd. ist hier nur noch 1 Dozent: ich.
Am Sonnabend waren wir in Potsdam, wo sich nichts zum Bessern geändert hat. 4 Stunden Fußmarsch; denn die Dampfer gingen wegen Eis nicht mehr. Seit 5 Tagen aber haben wir eine unnatürliche Wärme.
Gestern haben wir die arme Klara Rauhut beerdigt. Susanne konnte nicht mitgehen. Sie ist seit dem 3.II. so schwer erkältet, wie selten.
In den letzten Tagen drohte mal wieder, daß Möbel aus dem Hause wegtransportiert werden. Vielleicht ist es abgewendet. Aber eigentlich habe ich die ganze Position hier schon aufgegeben.
Ich habe nach der Centralviehhofrede über Pestalozzi 19.I. wieder in Steglitz (bei schlimmsten Glatteis zu Fuß) am 29.I. einen kleinen Vortrag über christl. Lebenserfahrung gehalten. Am Sonntag soll die Vo-Hochschule Potsdam mit einem Vortrag von mir über Pestalozzi eröffnet werden.
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Ich habe mal wieder Sauerbruch besucht und eine freundschaftliche Stunde mit ihm gehabt. Sonst fehlt es, wie ich immer feststelle, fast ganz an Freunden hier, obwohl manchmal bis zu 5 Besuchern kommen. Die Korrespondenz ist trotz großer Anstrengung nicht zu schaffen. Ich bin auch sonst tätig, habe eben einen (finanziell sehr lohnenden) Artikel für den Konstanzer "Südkurier" geschrieben und beginne eben mit einem Vortrag für die hiesigen Chinesen: "Kulturbegegnungen." Außerdem habe ich das Pestalozzi-Ms. vom vorigen Jahr druckfertig gemacht. Aber es druckt ja in diesen Landen noch niemand.
Hast Du eigentlich Herrmanns Adresse? Ist er in Dänemark oder in Holstein?
Was und wie oft zeichnest Du in der Augenklinik?
Wenn Du einmal an der Leopoldstr. 45 vorbei kommen solltest (nur dann!), so könntest Du Delekat einen Gruß sagen. Ihr habt doch beide religiöse Interessen. Dem Dr. Matussek füge ich ein für alle Male Grüße bei!
In Deinem Brief von 28.I. sprichst Du von meiner Reise und erwartest Nachrichten. Du wußtest aber damals doch schon, daß ich gar nicht gefahren bin, auch am 14.I. nicht, was vielleicht ein großer Fehler war.
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Ich habe mich gestern durch einen 7 Seiten langen, erziehlichen Brief an Frl. Dr. Jung, der sehr nötig war, etwas überanstrengt und bekomme infolgedessen heute nichts Ordentliches zustande. Aber weil die Pause schon so groß war, will ich nicht auf eine günstigere Verfassung warten. Gleichzeitig schicke ich 2 Zeitungsblätter gesondert, die bei der Numerierung nicht mitzählen.
Wir haben neuerdings 2 Amerikaner im Hause, die sich nicht feindlich gegen uns stellen. Das ist wichtig, weil wir ja nur geduldet sind.
Alles in allem ist das Leben immer noch eine elende Kräpelei. Ob es noch einmal anders wird? Schopenhauer sagt mit Recht: wenn man denkt, das Beste käme noch, dann ist es eigentlich schon vorbei. Und alt genug bin ich ja nun, um abzurüsten. Vieles interessiert mich z. B. garnicht mehr: Schulreform, Parteien und alles, was Diskussions Kram ist.
Nimm Vorlieb für heute. Der nächste Brief wird ja schon Dein Geburtstagsbrief sein. Susanne u. Ida grüßen herzlich. Ich wünsche Dir alle Bedingungen, die Dich gesund und bei einiger Stimmung erhalten.
<li. Rand>
Dein getreuester
Eduard.