Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Februar 1946 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 16. Februar 46.

Nr. 12.
Dein l. Brief
für Sus. eingetroffen.
Meine einzige Freundin!
Hoffentlich ist die Post so freundlich, Dir diesen Gruß gerade zum 25.II. zu bringen. Ich bin sehr mit allen meinen Gedanken bei diesem festlichen Tage und fasse im stillen Deine Hand ganz fest. O, wenn man doch erst einmal wieder reisen könnte. Aber auch dies wird kommen; und dafür wollen wir beide alle Kräfte zusammennehmen, daß wir uns gesund wiedersehen – wir beiden Alten! Wenn Du es dafür gelten lassen willst, so hat Susanne diesmal eine kleine Handarbeit für Dich gemacht, die schon unterwegs ist. Zur Erläuterung möchte ich sagen: Das ist in der schlimmsten Bombenzeit entstanden, als man etwas Schwereres nicht mehr arbeiten konnte. Es ist einfach so hingeschrieben. Selbst die Darstellung meines inneren Lebens damals wäre unter den schrecklichen Umständen nicht gelungen. Auch hat sich ein mich bewegendes aktuelles Interesse, nämlich die didaktisch fruchtbare Gestaltung von Vorlesungen, wohl über Gebühr hervorgedrängt. – Gesondert geht "zwecks
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| Austausch" ein kleiner Kalender ab, wie er eben erreichbar war. Deiner ist so unendlich viel schöner; ich freue mich an ihm mit, über jedes einzelne Bild.
Gerade als ich mit diesem Brief anfangen wollte, senkte sich nach langem Entbehren und allmählichem Verzagen ein Segen auf mich herab: Der erhoffte Ruf aus H. kam mit lauter günstigen Bedingungen. Wie ich nach all der unwürdigen Sklaverei aufatme! Schwer genug bleibt es (auch "technisch" noch), aber es ist die "Rettung". Die Post hatte einmal wieder ihre Launen geübt; alles hatte sich unbegreiflich verzögert. Ein anderes "H." wäre mir lieber gewesen. Aber die Sterne, die begehrt man nicht ..... Die Art, wie ich es hier bekannt mache, muß wohl überlegt werden. Aber sage doch dem guten Matussek provisorisch, es wäre sehr zweifelhaft, wennschon nicht ausgeschlossen, daß er mich hier Ende März träfe.
Am vorigen Sonntag war ich allein – Susanne hatte 10 Tage lang eine ungewöhnlich schwere Erkältung – wieder einmal in Potsdam. Was man früher als russische Kolonie sehenswürdig fand, hat sich über die ganze Stadt aus
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|gebreitet. Ich mußte in einer geschäftlichen Sache mitten hinein, was immer aufregend ist. – An der traurigen Lage bei Honigs hat sich leider nichts geändert.
Du wunderst Dich vielleicht, daß wir mit Ruges in keinerlei Verbindung stehn. Aber er hat sich in meiner Gefängniszeit Susanne gegenüber so unerfreulich gezeigt, daß wir nicht mehr hingehen mögen.
Es ist hier fortdauernd abnorm warm; man genießt es wenig aus Befürchtungen für die Zeit der Obstblüte. Die sonstige Atmosphäre ist bedrückend genug – diese frostigen, gespenstischen Sitzungen, diese plötzlichen Bestellungen zu einem Gespräch mit einem o.ö (= östlichen) Professor, das dann 2 Stunden Ausquetschung bedeutet, dieses Beraten, Diskutiern, Gründen, aus dem nie etwas folgt und werden kann. –
Ich habe meinen Beitrag für den Konstanzer "Südkurier" sehr sorgfältig ausgearbeitet und bereits abgesandt. Auch das "Lotterweib", wie ich die kleine tapfere Person häßlich nenne, war wieder einmal da. Es kommen zahllose Menschen – aber der nahe Freund fehlt absolut. Ich war schon in Gefahr, meine letzte innere Spannkraft zu verlieren. Ob sie noch für etwa 5 tätige Jahre reichen würde?
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Durch die Quäker bekam ich einen Brief von Feilchenfeld aus Amerika. Er heißt jetzt Fales und es geht ihm befriedigend. Auch Marg. Thümmel hat aus Hann. Münden geschrieben – ohne ihre Sünden dabei zu berühren.
Am 19.II. habe ich wieder einen religionspädagogischen Vortrag. Für die Chinesen bereite ich einen über "Kulturbegegnungen" vor. Alles so, wie sich Laertes in einem Garten noch ein bißchen (?) nützlich macht ........
Nun muß ich mich schnell noch auf meine 5 Mann- Kantübungen am Nachmittag vorbereiten. Der Brief aber soll gleich fort. Also kommen zum Schluß unsre innigsten Geburtstagswünsche. Begehe den Tag mit Dir lieben Menschen in Gesundheit und spüre die Radiowellen, die mein Herz mit Deinem in Kontakt setzen!
In unablässigen Gedenken und Sorgen
Dein
Eduard.

[Fuß] Sauerbruch und Munk sind auf belebtester Straße am helllichten Tage von vier ..... überfallen worden und (jeder von beiden) mit Gewalt des Autos beraubt worden.
[li. Rand] Kannst Du nicht die Fahrten in die Stadt auf eine möglichst verkehrstille Zeit legen? Auch m. Rippen sind immer in Gefahr.