Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. März 1946 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 4. März 46.

Nr. 13.
neueste von Dir:
Nr. 8.  (3.II.)     eingetr. 18.II.
Nr. 9. (10.II.) – eingetr. 18.II.
Meine einzige Freundin!
Wenn die Pause nicht schon so lang wäre, würde ich zu dieser späten Stunde nicht mehr anfangen zu schreiben. Aber Du sollst wenigstens ein Zeichen erhalten, daß ich noch da bin. Viel mehr ist allerdings auch nicht zu sagen. In der Hauptsache geht es nicht vorwärts, was ja begreiflich ist bei einer Postlaufzeit von 38 Tagen hin und zurück. Nach und von Japan waren knapp 30 Tage. Draußen ist es ähnlich: Schnee, Tauwetter, Sturm, unsagbare Fluten in den Straßen. Es scheint zum Frühling zu gehn, aber es kommt auch nicht vorwärts.
Du weißt, daß diese Jahreszeit immer meine baisse gewesen ist. Es fehlt nicht an Stärkungsmitteln: Frl. Dorer, Jung, Geschw. Lang haben alles Mögliche geschickt. Aber es fehlt am seelischen Auftrieb (im Gegenteil!) und ganz – am Alkohol, ohne den es doch nie recht gehen wollte. Ich bastele so an kleinen Sachen, halte rel. Vorträge im Pfarrhause, gehe allen offiziellen Dingen aus dem Wege, so daß es jetzt schon auffällt, und warte, wie von 1933 bis 45.
Heute ist nun wieder eine schlimme Nachricht (indirekt durch Lotte Geppert) eingetroffen: Anderl Witting lebt nicht mehr.
[2]
|
An sich erfreulich wäre es, daß meine Bücher in Neuhardenberg nicht verbrannt sind. Aber sie – verringern sich, nur es ist ja natürlich , wenn es heißt, daß – der Lehrer ein besonderes Interesse dafür haben soll. Die Tochter des ehemaligen Gutsverwalters brachte die Nachricht.
Du bist ja malerisch wieder sehr tätig. Nicht etwas zu sehr für Augen und Kräfte? Damit sind doch auch immer Fahrten in die Stadt verbunden.
Mein Ms. für den Südkurier ist gemäß telegraphischer Meldung dort eingetroffen. Aus Alpirsbach kamen Ansichtskarten, die mich, da es nun mit den Reisen anscheinend ein Ende hat, etwas wehmütig stimmten. Und bei der Beschäftigung mit der chinesischen Geschichte (für einen Vortrag, den die Chinesen haben wollen) wird immer auch Japan lebendig. Wie liegt das weit! Fast schon 10 Jahre, als wir uns auf dem noch unzerstörten Frankfurter Hauptbahnhof trennten! Von den Freunden im fernen Osten auch schon seit 5 Jahren höchstens einmal ein Telegramm. Hört man doch nicht einmal etwas aus der Schweiz. Und hier am Orte wird der Kreis der Nahestehenden immer kleiner. Klara Rauhut ist nicht zu ersetzen. Aber denke Dir, jetzt erst erfuhr ich, daß meine Erzieherin von 1890, Johanna Raubach,
[3]
| 81jährig noch in Havelberg lebt!
Mit den Fragen der Religion und somit der Kirche beschäftige ich mich ziemlich viel. Leider muß ich sagen, daß man auch heute noch selten eine reine Freude empfindet, wenn man in Personalverhältnisse der ev. Kirche hineinblickt. Sie wollen bald diese, bald jene Ansprache von mir haben. Aber es wirkt wohl immer als "inszeniert." Auch Niemöller ist ja in der Form anscheinend nicht ganz glücklich. Und jeder ist mit seinem "Bruder" überkreuz.
Hast Du eigentlich von Lulu Lampert einmal etwas gehört? Sie meldet sich jetzt natürlich nicht.
Es wird heute nichts Gescheites mit dem Schreiben. Deshalb will ich nur noch, des Gleichklangs wegen erwähnen, daß ich von Gö. eine telegraphische Anfrage und von Gö. einen 2. Brief dieses Inhalts hatte. Aber man muß ja der ersten Liebe treu bleiben. Die gute Dorer will mich anscheinend noch nach Mainz bringen. Aber das wäre mir keine Messe wert.
Du bekommst bald einen vernünftigen Brief. Betrachte diesen bitte nur als eine "Zwischenbilanz", wie Herbert seine Lebenserinnerungen nannte. Heute ist die Bilanz = Pleite.
Ich bin sehr bedürftig, von Dir wieder etwas zu hören. Grüße Matussek. Innigste Wünsche und Grüße, auch von Susanne, Dein getreuester Eduard