Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. März 1946 (Berlin/Dahlem)


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Nr. 14.
Erhalten Nr. 10. vom 17.II. (12.III.!!)
      "     Nr. 11  vom 27.II. (14.III.)

<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>
16. März 1946.
Meine einzige Freundin!
Das war wieder einmal eine lange Unterbrechung der Nachrichten von Dir; kein Wunder, wenn ein Brief 23 Tage unterwegs ist! So ist es jetzt fast durchweg. Ich bin aber sehr glücklich, daß Du am Vorabend Deines Geburtstages Gutes berichten konntest, besonders auch über den Brief von Hermann. Andererseits habe ich den Schrecken über drohende Vertreibung noch nachträglich mitempfunden. Möge das das letzte Mal gewesen sein! Und – wenn doch einmal das Unglück käme – wüßtest Du dann wohin? Gegebenenfalls könnte Dir vielleicht Radbruch aus persönlichem Wohlwollen für mich behilflich sein, Deine bescheidenen Rechte zu verteidigen (Friesenberg 1 oder 1a.)
Ich beginne mit kleinen Nachrichten, weil die größeren nichts
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| Erfreuliches enthalten.  1) Der Bruder von Susannes Vater lebt jetzt mit seiner Frau in Waldhilsbach!  2) In der Von-der-Tannstr., ganz nahe bei Dir, wohnt eine Frau Baethgen, die Mutter desjenigen Kollegen (Historiker) hier, mit dem ich mich z. Z. am besten verstehe.  3) Die Margarete More stand ganz öffentlich unter den Büchern 1m links von mir. Susanne kann eben nicht suchen. Ich bin jetzt dabei, das Buch zu lesen, und werde es Dir dann zurückschicken.
In der Hauptsache kein Fortschritt. Flitner kann wohl in der Wohnungssache etc. nicht viel tun und ist gewiß überlastet. Nun ist ja auch eine allgemeine Situation, die es ratsam macht, ein wenig abzuwarten. Tübingen bewirbts sich ganz offiziell auch – ich habe hier den Minister Heuß gesprochen, der bald auch für Euch zuständig zu werden behauptet. Die gute Dorer hat ferner Mainz mobilisiert. Gö. und Kö. wiederholten ihre Anfragen. Aber wer zuerst kommt, malt [über der Zeile] mahlt zuerst. Sonst wäre auch der obere Neckar verlockend. Das alles hört sich gut an, ist aber nicht viel wert. Denn
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| es ist nun einmal so, daß ich allein lahm liege, daß mir immer neue Steine in den Weg geworfen werden, daß mir die kleinen literarischen Engagements geschäftlich mißglücken, nachdem ich viel Mühe darauf verwandt habe, daß meine Vergangenheit durchgewühlt wird etc. Von alledem werde ich täglich mutloser, und meine Spannkraft hängt doch immer vom Seelischen ab. Du hast durch das Salz-Kümmelgebäck zu meinem leiblichen Wohl beigetragen. Habe Dank. Aber gute und tröstliche Nachrichten von Dir sind noch sehr viel wirksamer. Ich kann nicht leugnen: zu großen Unternehmungen fehlt mir z. Z. die Kraft.
Übrigens trinke ich eben einen Cognac, der von des Herrn Tische oben gefallen ist. Hin und wieder, nicht immerzu. Ebenso rauche ich Zigarettenreste aus der Pfeife.  O-Ke. (= all correct oder so.)
Heute ist nun auch von Felicitas direkt die tragische Nachricht gekommen, daß Anderl Witting schon im September am Typhus gestorben ist. 4 Kinder!
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Ich habe gestern in einem kleinen kirchlichen Kreis über "Die Frage der deutschen Schuld" gesprochen; es schloß sich eine recht interessante Debatte an, die Niveau hatte.
Denke Dir: meine nach Neuhardenberg gebrachten Bücher sind fast vollständig erhalten! Mein Assistent Dr. Lieber war in dieser Woche hingefahren, und eigentlich sollten die Kisten gestern schon hier eintreffen, was sie natürlich nicht getan haben.
Rösel Hecht hat bisweilen, was die Lateiner raptus nennen. Sie müßte sich doch ein bißchen im Zaum halten. – Vielleicht gehe ich mal zu Frau Anna Weise mit heran.
Nun bin ich ziemlich müde. Manche Besuche – obwohl ohne großen Belang regen mich vorher und nachher auf. Außerdem hatte ich heute meine inoffiziellen Kantübungen – 2 Stunden lang (ziemlich allein redend) und 2 Stunden Vorbereitung. Ehe ich schließe, trage ich nur noch nach, daß neulich der Pfarrer v. Rabenau bei mir war. Sein Vetter, der General, muß wohl als Opfer des Systems gelten. Wir waren auch mal wieder in Potsdam (z. 1. Male mit der Bahn!) – traurig. Auch insofern: Stadtschloß, Garn.-Kirche, Nicolaikirche, Heiliggeistkirche, Vorderes Viertel – alles kaputt!!
<Kopf S. 3> Von Johanna Raubach schrieb ich wohl schon (1890 meine Erzieherin, lebt noch)
<li. Rand S. 3> Wir beide grüßen Dich herzlich. Ohne viel <li. Rand S. 4> Worte, im alten Geist   Dein Eduard.