Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1./3. April 1946 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 1. April 1946.

Nr. 15.
erhalten Nr. 12 u. 13.
Meine einzige Freundin!
Dem guten Freunde Matussek, der am 4. zurückreisen will, muß ich doch ein paar Zeilen mitgeben, die leider wieder in rechter Eile geschrieben werden müssen. Daraus schließest Du vielleicht, daß ich immer sehr viel Wichtigeres zu tun hätte. Aber leider ist es weder Wichtiges noch Vieles: ich bin nur wenig leistungsfähig, und, was ich anfange, ist entweder überflüssig oder es mißglückt mir. Seit 4 Jahren keine eigentlichen Ferien, stattdessen immer Aufregung, Kampf und Enttäuschung.
Aber zunächst möchte ich Dir durch diesen ärztlichen Boten sagen, daß Du besonders jetzt im Frühling Dein Herz recht schonen sollst, nicht zu viel gehen, nicht zu schwer tragen und Dich möglichst nicht ins Verkehrsgedränge wagen sollst. Ferner laß doch endlich in Deiner angeblichen Parteisache endgiltig Klarheit schaffen. Ist kein anderer männlicher Anwalt da, der Deine Sache führen kann, so bitte Matussek oder nimm dir, jedoch dann vor einer neuen Gefährdung wirklich einen Rechtsanwalt, für dessen Rechnung ich mit besonderem Vergnügen begleichen würde. Denn noch einmal darfst Du diese Aufregung nicht durchmachen.
Ich fürchte, daß der ehrwürdige Herr v. Schöpffer inzwischen von Seinem Leiden erlöst ist, und nehme warmen Anteil daran, daß Du in Ihm wieder einen guten Freund verlierst.
Das Büchlein der Margarete More hast Du inzwischen gewiß endlich erhalten. Ich danke Dir herzlich dafür. Ob das eigentlich so ganz historisch treu ist? Mir war es völlig neu, daß so etwas existiert. Es hat einen innigen, frommen Ton. Aber verzeih, ich bin doch froh, daß ich es nicht in Moabit gelesen habe. In der Zelle und unter dem Beil wirkt es anders als auf ruhige, gesicherte Leser.
Deine Ergänzungen zu meinen Erinnerungen an 1903 waren mir im Gegensatz dazu eine wohltuende Lektüre; freilich auch etwas mit Wehmut gemischt. Denn weniger als bei unsrer Generation kann
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| das Wort: "Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle" wohl nicht eintreffen. Auch das empfindet man nur in Berlin so deutlich.
In der "Hauptsache" sind wir wiederum nicht einen Schritt weitergekommen. Denn daß heute 2 – anscheinend ja ganz hübsche – Zimmer angeboten wurden, kann ja kaum als ein Fortschritt gelten. Meine Bücher, wenn ich nur die Hälfte aufstellte, würden wohl 2 Zimmer allein füllen. Inzwischen sind die 7 großen Kisten aus Neuhardenberg tatsächlich hier eingetroffen (was nicht ganz billig war, natürlich.) Die Entscheidung ist furchtbar schwer. Nicolai holt sich eben mit Matusseks Hilfe "ein paar Handvoll." Sein eigener angekündigter Besuch ist bisher ausgeblieben.
Unser Dekan Deubner hat sich zu Tode gehungert, gefroren und gearbeitet. Da diese 3 Faktoren bei mir nicht stark genug sind, kommen immer neue Ärgernisse, denen die Arbeit schon besser gelingt. Eine hinzukommende Magenverstimmung läßt mich gerade jetzt alles Elend und Versagen doppelt fühlen. Gutes ist eigentlich garnicht zu berichten. Übermorgen und Sonnabend soll ich in Volkshochschulen (Potsdam und Moabit) reden. Für den letzteren Zweck habe ich ca. 2½ Tage an einem englischen Fragebogen gearbeitet, der wenigstens glatt durchgegangen zu sein scheint, obwohl ähnlicher Makel, wie er bei Dir vorliegt, bei mir nicht fehlt.
Mein Freund Bork hat eine Anfrage, ob er als Dozent nach Heiligenberg kommen will. Die gute Dorer offerierte mit Mainz, (da wäre Tübingen besser.) Wenke schreibt zu selten, Günther ist ganz in der Versenkung verschwunden.
Der Vortrag für die Chinesen (3 Wochen Arbeit) ist fertig, findet aber nicht statt. Das Ms. für Konstanz wird jedenfalls nicht im "Südkurier" gedruckt, da dort Umstellungen erfolgt sind. Ich habe Frommherz gebeten, mir den Scheck in Konstanz einzulösen. Wann kann da Antwort kommen? Mein privatissime-Kantseminar habe ich abgebrochen (nach 4 Monaten.) Es war nicht so befriedigend wie früher.
So! "Mehr will ich nicht sagen", zumal es mit der Beförderung doch unsicher ist. M. wird Dir nach eigenen Eindrücken berichten. Er brachte ein Riesen-ms. mit, daß ich natürlich nicht in 2 Tagen lesen kann. Er wird Dir unser beider wärmste Grüße bringen. Denke an <re. Rand> Deine Gesundheit. Du machst damit die einzige Freude, die jetzt zu haben ist, Deinem
Eduard.

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3.IV.46.
Matusek reist erst am 8.IV. Da Dein lieber Brief Nr. 14 (vom 27.3. gestempelt) heute schon hier war, würde das keine Zeitersparnis bedeuten. Ich sende also das Beiliegende ab, obwohl es deutsch geschrieben ist. Hoffentlich wird dies nicht zum Hindernis.
Dein
E.