Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. April 1946 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 13. April 1946.

Nr. 16.
erhalten heute
Nr. 15 vom 1.IV.
Meine einzige Freundin!
Der Wunsch, Dir einen Ostergruß zu senden, wird zur Ursache, daß Du heute einen halben Brief erhältst. Denn für einen ganzen reichen die wirklich abgesackten Kräfte nicht mehr. Ich hatte einen etwas angreifenden Tag, von dem ich gleich erzählen will. Weil sich absolut nichts rührt, machte ich einen Ausflug nach England, um die Helena von dieser Macht loszubitten. – Es kam nämlich jetzt eine sehr freundliche Einladung nach Tübingen; wenn es nicht anders ginge, sollte ich dort doch wenigstens einen Sommer zubringen. Wie verlockend! – In England war mein alter Gönner sehr hilfsbereit. Aber er mußte mich zunächst nach Amerika schicken; denn da bin ich ja zuhause. Dies alles kann nun noch recht lange dauern. Kaum war ich aber 2 Stunden aus England zurück, da kam jemand, der über amerikanische Vorgänge sehr Interessantes wußte. Wenn daran etwas sein sollte (?), so könnten sich meine Chancen noch sehr ändern. Ich verhandle aber mit Köln und Tübingen auch. Derartige Unklarheiten sind mir eigentlich sehr zuwider.
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Von Jaspers erhielt ich mit persönlicher Anrede einen Rundbrieftext betr. einer neuen Zeitschrift. Ich habe höflich, aber gleich formell geantwortet. Was M. über den Kreis erzählte, klang nicht sehr sympathisch.
Ich habe in der Volkshochschule Tiergarten über "Psychologie der Lebensalter" gesprochen. Ein engl. Offizier war entsandt, um darüber zu berichten – sehr liebenswürdig und sachkundig. Bei solchen Vorträgen treffe ich die ältesten Bekannten, neulich in Potsdam eine Schülerin von Knauer her, in Tiergarten gleich 2 und eine Lehrerin von Böhm her; ferner frühere Promoti, die jetzt Schulräte sind, und dgl.
Die arme Jenny in P. löst ihren Haushalt auf. Die ganze Gegend wird seized; da kommt sie mit ihrer fabelhaften Energie zuvor. Von ihm noch nichts.
Der Verleger Klotz war hier; auch er lebt von "Ansichten", die unbestimmt sind. (in Gotha; weißt Du noch: 1.I.1933.) Heute nachm. haben wir die alte Frau Geheimrat Maier in ihrem dürftigen Heim besucht: Anneliese in Rom, Schorsch gefangen, sie ohne Pension. Unser Dekan Deuber hat sich tot gearbeitet und gehungert. Meinecke wird bald hier erwartet. Frankes in Ballenstedt haben nun wenigstens wieder ein kleines Einkommen.
Gern las ich heute, daß ihr den Blütenweg gemacht habt. Aber bitte langsam, und nicht viel steigen! Du solltest mal meinen schleppenden Gang sehen! Ich gehe nicht auf Sohlen, sondern auf Selbstgefühl, und daran fehlt es. Deine Erinnerungen an 1903 sind z. T. richtiger <li. Rand> als meine. Ich war im ganzen dreimal in der Rohrbacherstr. Was waren das für andere Zeiten!
Die Bücher aus Nh. sind im Seminar, leider noch nicht hier; kostet viel Geld!
<re. Rand> Nimm mit diesem Notizenkram vorlieb. Es soll etwas Besseres nachfolgen. Dies möchte gern noch zu Ostern bei Dir sein. Wir beide grüßen Dich 1000 mal.
<Kopf>
Dein Eduard.