Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. April 1946 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 23.IV.46.

Nr. 17.
erhalten heute:
Nr. 16. opened.   7.IV.
Nr. 17. eingeschr. 16.IV.
Meine einzige Freundin!
Heute kamen gleich 2 liebe Briefe von Dir. Die Freude wurde getrübt durch die Mitteilung am Schluß, daß Du Augenschmerzen hast und eine beizende Medizin gebrauchen mußt, deren Herkunft kein Ausgleich dafür ist. Ist vielleicht etwas Heuschnupfenartiges dabei, hervorgerufen durch unzulängliche Ernährung? Sieh zu, daß Du das bald los wirst. Zu zeichnen ist hoffentlich jetzt nichts?
Frau Weise habe ich am Sonntag vor Ostern mit Susanne aufgesucht, aber leider nicht angetroffen. Die Rede von Wichert kenne ich noch nicht. Er soll etwas Salbungsvolles angenommen haben; aber ich liebe ihn doch.
Eine betrübliche Nachricht kam durch Oelrich (Frau aus Tennenbronn) von Wildbad: Man hat Freudenstadt verteidigt. Dabei ist der ganze Marktplatz mit der Kirche zerstört worden. Anscheinend ist auch ein Viadukt nach Alpirsbach kaputt, so daß nach Alpirsbach gar kein Bahnverkehr ist.
Eigentlich hätte mein Brief 16 vor Matussek eintreffen müssen. Nun hattest Du wenigstens das
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| Bild, das den inneren wie äußeren Befund gut spiegelt. - Aus "Vorsicht" verschweige ich nichts. Es ereignet sich einfach nichts. Von England schiebt man die Sache nach Amerika; dort liegt sie trotz guter Versprechungen zunächst auch einmal fest. Käme jetzt Tübingen mit mehr Tatwillen - ich nähme auch dies. Denn die Untätigkeit in H. und das Schweigen von Flitner werden allmählich mystisch.
Ich hatte mich innerlich auch auf eine ganz stille Existenz mit der Feder eingestellt. Nur hier hervortreten zu müssen, wäre mir schrecklich. Wäre ich noch ein "Mann allein", so legte ich nieder. Weil man so garnicht handeln kann, lebe ich in meinen Gedanken und im Produzieren. Augenblicklich forme ich (für den Druck - aber wann?) einen alten Mittwochsgesellschaftsvortrag um. Er soll heißen: Schicksale des Christentums in der modernen Welt; der mittlere und Schlußteil enthält eine quasi "neue" Deutung unter dem Titel "Die Magie der Seele." Fast jeden Vormittag schreibe ich 10–12 solche Seiten wie diese; dann bin ich aber so erschöpft, daß ich selbst nach dem Mittagsschlaf nur halb aufwache. Die Idee ist sehr eigenartig; man kann sie aber nicht in wenigen Sätzen sagen. Die Entwicklung des Gedan
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|kens gehört dazu. Ich bin sehr gespannt, was Du s. Z. dazu sagen wirst. Bei der Entstehung meiner Mss. habe ich niemanden, der mir kritisch oder aufmunternd eine Anregung gäbe, während ich doch den Leuten aller Welt helfen soll. Diese Art von geistiger Einsamkeit erzeugt allmählich auch ein würgendes Gefühl. – Und dann: alle florieren, selbst ehemalige Nazis stehn auf dem Katheder; nur ich liege lahm, und verstumpfe die wichtige Zeit im Keller. Wären die Verhältnisse schon gesund, so müßte das anders sein.
Ausgerechnet der Brief mit Deiner einzigen politischen Äußerung ist geöffnet worden. Der Zensor hat hoffentlich Deinen begründeten Ausführungen ebenso zugestimmt wie ich. Und ich setze sie historisch fort: Ist es schon vergessen, daß wir zwischen 1928–33 nie zu einer aktionsfähigen Regierung kommen konnten? Daß nichts als Parteiengezänk zu hören war? Und was ist jetzt zu hören? Hier wenigstens nichts als wieder Gezänk. Die Leute stehen Schlange vor den Läden, vor den Registrier- und Kartenstellen, vor den Finanzämtern. So kommen wir doch nicht vorwärts. Es müßte doch endlich ein Mann oder ein Kreis sichtbar werden, der wieder Zuversicht weckt und Ziele zeigt und Wege. Hier nichts davon; weniger als nichts.
Der 1. Ostertag im blühenden, zerstörten, parklosen Potsdam war in der Familie recht bedrückend. Gestern waren
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| wir bei dem Bruder von Lotte Geppert (Sohn von: "Es freut mich, daß ich Ihnen mit so geringen Mitteln so viel Vergnügen bereiten kann.") Die Lotte hat nun auch den Münchner Rektor für mich interessiert. Aber da möchte ich jetzt nicht hin, obwohl schon ein netter Graf Rechberg in ähnlichem Sinne von dort Botschaft brachte.
Emmy, die ich um eine geschäftliche Gefälligkeit gebeten hatte, hat auch ziemlich deprimiert geschrieben. Der Mann der Christel ist †. In allen Hôtels sind Schulräume für französische Kinder.
Am Freitag rede ich in Zehlendorf über das Thema: "Die humanistische und die christliche Persönlichkeit." Dahinter steckt eine prinzipielle Beobachtung, die so noch nirgends gemacht ist.
Klotz war hier. Er soll ja die sog. Trilogie (Weltfrömm. Psych. des Glaubens, Schicksale des Ch.s) unter dem Gesamttitel "Magie der Seele" drucken. Aber es sind noch garkeine Anzeichen dafür, daß er es kann. Und so werde ich wohl mit diesem und anderen Erzeugnissen nach dem Westen gehen müssen. Jeden 3. Tag will ein Verleger etwas von mir. Aber die wenigsten könnten faktisch drucken.
Grüße den guten Matussek. Er soll Dich unter seiner ärztlichen Aufsicht halten und Dir in allem behilflich sein. Alle guten Wünsche, auch von der fleißigen Susanne, die eben 70 große Seiten Schreibmaschinen (das Pestalozzi-Ms.) fertiggestellt hat. Nun lese ich noch ½ Stunde in m. Liebling Galsworthy (Flowering wilderness).
In Liebe und Treue
Dein
Eduard.

[li. Rand] Ich würde Dir gern ein Häubchen schenken. Aber woher nehmen?
[Kopf] Schmidt Ott (86) schreibt aus der Schweiz, Meinecke (83½) aus Göttingen – will aber bald kommen.