Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Mai 1946 (Berlin/Dahlem)


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Nr. 18.
Heute erhalten Nr. 18.
ferner Päckchen 2 u. 3.
Nr. 1 (Lebertran) schon früher.
Dahlem, den 4. Mai 1946.
Meine einzige Freundin!
Heute habe ich einen der Tage hinter mir, deren Begegnungen schon 2 Tage vorher krank machen und mindestens 1 Tag so weiterwirken. Ich habe meinen Mann gestanden und mich restlos ausgesprochen. Aber meine Offenheit macht natürlich Feinde.
Es will nicht vorangehen. Alles ist, wie verhext. Hat man mit einem "officer" angefangen, so wird er nach 2 Tagen abgelöst. Will einer mich empfangen, so muß er doch zunächst auf 14 Tage verreisen. Zugleich wird die Mittelsperson krank und läßt nichts mehr von sich hören. Meine Intentionen gehen aber jetzt – was Dir vielleicht lieb sein wird, – auf Tü. Vielleicht kann frz. Hilfe mehr. Die in Ha. machen immer nur neue "Aussichten". Flitner – unbegreiflich – schweigt ganz. Nun ich kann das nicht alles erzählen. Die Kraft ist für solche Unternehmun
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|gen überhaupt zu gering. In Tü. entsteht die "oesterreichische" Frage. Aber, wo wäre nicht irgend etwas Unerwünschtes dabei!
Du gibst nun ab, um mich besser zu ernähren. Bitte tue es nicht! Ich danke innigst. Ab daran liegt es bestimmt nicht. Ich bin psychisch zu weit unten, als daß etwas anschlagen könnte. Durch Ida (housekeeper) habe ich täglich amerikanischen Zuschuß. Sehr fehlt mir Alkohol (fürs Herz), aber den gibt es nicht zu vernünftigen Preisen.
Die Erinnerungen an 1903 sind mir lieb. Die Einzelheiten sind natürlich für mich in das große Ganze aufgegangen. Sind doch jenem 1. Blick Gottlob noch viele Blicke gefolgt, und der ersten Feder manches tröstende und erhebende Symbol sonst. Er ist da wie beim Glauben: die historische Wahrheit ist mir nicht so wesentlich wie die ewige Wahrheit (AEI); natürlich ist es ein beglückender Ausfluß der gequälten Seele, sich auch all der lieben Einzelheiten wieder zu erinnern. Und was haben wir für einen gemeinsamen Erinnerungsschatz (Könntest Du bei Hrn. v. Schöpffer einmal Augustins Konfessionen leihen und Buch X lesen?) Ich liebe ihn nicht gerade, aber er wird mir immer in
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|teressanter.
Die "Magie der Seele" ist nun in einem ganz erträglichen Entwurf (ca. 110 Seiten) fertig. Entweder ist das schon eine Altersmarotte, oder es ist etwas sehr Bedeutendes. Aber ist habe hier nicht einen Menschen, der es einmal lesen und mir ein Urteil sagen könnte. Wie vieler Menschen Manuscripte habe ich lesen müssen; für mich tat es niemand.
Ich habe zweimal (beidemal für 4–500 Leute) mit spürbarstem Erfolg geredet. In Zehlendorf über :"Die humanistische u. [über der Zeile] die christliche Persönlichkeit" (wird gedruckt.) und in Oberschöneweide (vor sog. Neulehrern) mit geradezu suggestivem Eindruck über "Reifende Jugend". Der Veranstalter hier, ein OSt.Dir. Dr. Tacke, fragte mich gleich nach Hermann, mit dem er von Stettin her befreundet ist. Ich bin – jetzt endlich – ein reifer Redner, auf dem Katheder so sicher wie ein alter Reiter auf dem Pferde. Die hiesige Zentralverwaltung hat mich heute gefragt, ob ich denn auch Lehrer ausbilden könnte und wollte. Ich bin darauf sehr deutlich geworden.
Das die arme Traudel gestorben ist, wird dem Vater ein bitterer Schmerz sein. Für die wohl ein Segen.
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| Aber gut, daß Du nicht hingefahren bist. Du darfst kein Minus an Kräften erzeugen. – Auch Matusseks Bruder tut mir leid. Sage ihm das. Ich kann noch nicht wieder selbst schreiben.
Lotte Geppert war einige Tage in Partenkirchen zur sehr nötigen Erholung. Felicitas (die auch geschrieben hat) soll schon ganz graues Haar haben. Frl. Krogner ist via Wien in einem Lager bei Aalen gelandet (Brief u. Telegramm), bleibt vielleicht dort unten. Heute Brief von Frau Kerschensteiner. Ein ausführlicher von Zollinger (der erste reguläre Auslandsbrief.)
In der "Kunst" hätte ich mehr von Dir lernen sollen. Aber mein Auge (sonst gut) lebt weder in Farben, noch in Gestalten. Auch war ich in den Ferien oft zu müde, wirklich etwas Neues in mich aufzunehmen.
Wenn das nun würde mit !? (Aber Ha. läuft auch noch!) Wenn ich noch einmal in Süddeutschland leben könnte! Vielleicht doch nur im Exil!? Lies die letzten Sätze vom "Nationalcharakter". Da habe ich alles kommen sehen und bewußt ausgesprochen. Es ist alles so bodenlos tragisch!
Ich reiße mich los. Bleibe gesund. Innigste Grüße <re. Rand> und noch einmal vielen Dank!
Dein Eduard.

[li. Rand] Wenn ich mich auch nur auf Wochen von Sus. trennen müßte, würde mir das sehr schwer. So eine tapfere Frau, die nie klagt, hat nicht jeder. Sie grüßt herzlich.
[Kopf] Es ist der herrlichste Frühlung, den ich hier je erlebt habe. Frau Witting "Wie schön könnte das alles sein!"