Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Mai 1946 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 28. Mai abends
bei ganz schwerem Gewitter.

Nr. 21.
erhalten zuletzt
Nr. 19 vom 5. Mai.
Meine einzige Freundin!
Meine beiden Karten haben Dir gesagt, daß wieder sehr unruhige Tage durchzumachen waren, diesmal in einer Angelegenheit, wie sie Dir ja leider auch nicht unbekannt geblieben ist. Obwohl ich lieber einen Gedankenaustausch mit Dir über innere Dinge hätte, muß ich wenigstens einiges davon noch erzählen.
Nachdem ich am Montag [über der Zeile] 20.V. in Schulzendorf eine längere Aussprache mit Hrn. Generalinspektor Hepp – wohl einem früheren frz. Ministerialrat – gehabt hatte, kam am Dienstag durch einen amerikanischen Offizier die Nachricht ins Haus, daß er mit seiner Familie einziehen werde und daß wir bis Freitag mit allem, auch mit den Büchern, heraussein müßten. Unsre Hausgenossen, die mir verwandte Fachbehörde, wo Wallners Schwägerin dolmetscht, der Bürgermeister von Zehlendorf, Redslob u. a. kamen uns sofort zu Hilfe. Die Aktion des Bürgermeisters hatte Erfolg. Andernfalls wären wir heute wohl in dem z. T. leerstehenden Hause des Kollegen Bertholet, eines Schweizers.
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Im Zusammenhang mit diesen Vorgängen wurde man an der genannten Stelle nun überhaupt etwas aufmerksam auf meine Existenz. Ich hatte, zusammen mit Wachsmuth, eine längere Unterredung mit einem Professor v. d. Columbia-Universität. Dabei tauchten Pläne und Perspektiven auf, von denen sich schwer sagen läßt, ob sie bald oder spät oder nie Gestalt annehmen werden. Diesen Augenblick besucht uns noch eine sehr hilfreiche, wahrhaft gütige Majorin in unserem Keller. Und unsere Hausherren sind ebenfalls rührend.
Das wirst Du Dir aber vorstellen können, daß die schon vorher bestehende Lage dadurch nicht gerade geklärt worden, sondern eher noch komplizierter geworden ist. Davon will ich heute nichts sagen, einfach deshalb, weil ich nun auch nicht mehr weiß, wohin man steuern soll.
[Eben, um 21¼, kommt noch Besuch; es ist wohl der 6. heute.]
Das Pestalozzims. habe ich dem Verlag Hirsch übergeben. Die "Magie der Seele" ist von Susanne bald zu Ende geschrieben. "Goethes Weltanschauung ist seit Ewigkeiten im Druck; kleine Aufsätze oder Vorträge sind mindestens 6 unterwegs.
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| Ob mal etwas fertig wird?
Emmy hat in Konstanz 1000 M für mich einkassiert und nach Alpirsbach gesandt.¹) [re. Rand] ¹) Hast Du noch Geld?? Durch die Verhandlungen hörte ich immer etwas von den Freunden. Die Beilage stammt aus Alp.
Litt ist die Fortsetzung seiner Vorlesungen untersagt worden. Er soll aber hier die Leibnitzfestrede halten, die ich abgelehnt habe. Qui vivra, verra. ...... Vielleicht sehe ich ihn dann auch endlich wieder. Flitner ist es gesundheitlich schlecht gegangen, und wenn ich den Ton seines Schreibens recht verstanden habe, dann ist er etwas gedämpft – wohl in meinem Interesse. Meineckes werden noch immer erwartet, seit wohl 8 Wochen für täglich. Da hast Du ein Bild!
Die Proklamation von J. ist in der Tat erheiternd. Jener Professor sagte, ich käme an jede amerik. Universität, auch Eure. Aber bisher hat doch eben niemand von dort oder sonst gerufen. Die Konstellation wäre in persönlicher Hinsicht auch nicht angenehm.
Kann man denn an Hermann einfach mit Auslandspost schreiben? Oder geht das über eine besondere Stelle? Was macht Matussek und sein Bruder? Bitte grüße ihn. Auch aus Mainz kam wieder ein Fühler. Aber bleibt das deutsch?
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Am glücklichsten bin ich noch bei meinen religionsphilosophischen Medidationen. Am unglücklichsten, wenn ich zu einer Sitzung in die Stadt muß. In Potsdam steht es schlecht, privatim und allgemein. Ich habe mich dort um Hardenbergs Bibliothek bemüht. Auch er und die zahlreiche Familie ist in keiner beneidenswerten Lage. Frl. Besser ist aus Breslau mit einem der Evakuierungstransporte nach der Gegend Arnsberg gekommen. Von Frl. Krogner haben wir nichts mehr gehört. Ob sie in Württemberg unterkommt? Bäumler soll leben und in einem süddeutschen Lager interniert sein.
Soll ich noch einmal zu Frau Weise gehn?
Schmerzlich ist mir, daß auch unsre liebe Grabstätte in Kassel beschädigt ist.
Es ist draußen eine Finsternis, wie bei Weltuntergang. Ganz passende Stimmung! Aber das Gewitter hat mich doch stark mitgenommen. Ich mache Schluß, um, wie jeden Abend zuletzt, noch etwas Galsworthy zu lesen. Daran lerne ich colloquial English.
Nimm also mit diesem Geschreibsel mal wieder vorlieb. Bei allen Plänen ist mein erster Gedanke: irgendwann führt mich das doch einmal zu Dir. Vorläufig aber sind wir auf die 3 engen Sektoren beschränkt.
Innigste Wünsche und Grüße von der ganzen Kellersippschaft. Ida verkehrt oben, wo übrigens der eine <li. Rand> besonders reizend zu uns ist. Dein getreuester Eduard, der täglich Deinen – Tran nimmt.