Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Juni 1946 (Berlin/Dahlem)


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Nr. 22.
Erhalten Nr. 21
vom 26.V. am 7.6.
Dahlem, Pfingstsonntag 1946.   (9.VI.)
Meine einzige Freundin!
Zu dem Hinscheiden des Herrn v. Schoepffer spreche ich Dir meine herzliche Teilnahme aus. Der Abschied war lange zu befürchten. Aber alles, was endgiltiges "unwiederbringlich" bedeutet, behält seine schmerzliche Härte. Du hast in diesem Hause viel gute, gehaltvolle Stunden gehabt. Dafür danke auch ich dem Verewigten. Willst Du bitte der Gattin des Heimgegangenen meine warme Mittrauer ausdrücken?
Ein paar Personalnachrichten stelle ich voraus. Vor einigen Tagen war Deine Schwester bei uns. Nur Susanne hat sie gesprochen. Sie war in Unruhe, und wohl mit Recht, wenn sie wirklich seit Februar nichts von Dir gehört hat. Ihre ganze Situation scheint "im ganzen gut". Sie soll noch recht jung aussehen.
Mein Kollege Baethgen, ein tief veranlagter Mann, hat mir versprochen, beim Besuch seiner Mutter auch mit Dir Fühlung zu nehmen. (Wenn dieser Brief eintrifft, vielleicht schon geschehen?) Er weiß zwar von "uns" nichts, aber doch mancherlei Tatsächliches von mir. Hoffentlich gibt er auch Dir Gründe an, weshalb er reisen kann und ich nicht.
Hier hält in Volkshochschulen Dieter Bassermann gelegentlich Vorträge. Ist das derselbe, der in Schwetzingen bei Dir Zeichenunterricht gehabt hat?
Vorgestern haben Susanne und ich einen wichtigen Brief nach Schulzendorf gebracht. Wir konnten einen Besuch im Schloß Tegel anschließen. Es steht noch, im völlig verwildertem Park. Nach einigem Warten kam die verw. junge Baronin v. Heinz. Alle Gemälde und Bücher sind auswärts verbrannt. Alle Originalskulpturen requiriert. Die Gipsabgüsse sind noch da. – Auch Frau v. Sydow lebt nahe vom Schloß noch im höchsten Alter. – Dieser 1. Ausflug aufs Land war eine kleine Erquickung. Denn das Elend frißt sich einem immer tiefer ins Herz hinein.
Die "Magie der Seele" (bitte nicht: Mystik der Seele, denn eine andere gibt
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| es nicht) war nach Gotha gesandt. Der Prokurist kam einige Tage später und berichtete von Aussichten des Verlages, die den Termin des Erscheinens ins Unbestimmte zu datieren nötigen würden. Dagegen habe ich mich gewehrt. 2 kleine Aufsätze für Zeitschriften sind inzwischen noch fertig geworden. Am 14.6. spreche ich in Schöneberg über "Erlösende Liebe, in Goethes Schau" – ein sehr fruchtbares Thema. Am 12.6. soll ich bei der Bestattung der Frau v. Biedermann (Schwiegertochter des Herausg. d. Gespräche) ein paar Gedenkworte reden.
Heute habe ich Abschiedsbesuch bei der (entzückenden) Frau eines jüngeren Kollegen gemacht, der nach Tübingen vorangegangen ist. (Er hatte keine Bücher mehr; insofern war die Sache einfach.) Es ist ja nicht zu leugnen, daß mir die für so etwas nötige Energie fehlt. Ich bin eben 64 Jahre + 3 Jahre voll Schrecknissen. Was die hiesigen (Hausherren) für mich planen, kann ich aber auch nicht abwarten, obwohl ich fleißig "mitplane". – Das "Ich komme, ich komme" ist ein Gefühl, mit dem ich noch viel tiefer mitgehen kann.Aus unserem Lebensbetrieb ist eben doch zu viel "ausgebaut".
Das Päckchen, das Du hoffentlich erhältst, ist ein Anteil an einer Sendung, die ich aus Washington von einer unbekannten Verehrerin durch Quäkervermittlung erhalten habe. Auslandsbriefe kommen allmählich, so von Werner Richter, Arzt Gottstein, Stettbacher, einem Humboldtfreund in Wien etc.
Es ist wahr, daß das Leben jetzt mehr von der Seele fordert, als sie eigentlich hergeben kann. Aber wir wollen auch dies noch zwingen, damit es nicht so aussieht, als ob wir nur die Kraft hatten, gute Zeiten zu verklären. Wir wollen noch in die schreckliche neue Epoche hinein, und Du mußt ebenfalls standhalten; sonst "lohnt" es mir nicht mehr. Nehmen wir an, Tü. gelänge, dann gibt es doch wieder eine Bahn zwischen uns. Ohne das wäre nur das Verbannungsgefühl spürbar.
Ich bilde mir ein, nun ungefähr so reif zu sein, wie es mir beschieden sein könnte. Irgendwo möchte ich das auch noch in die Welt hineingeben, in der sich mein Leben entwickelt hat. Und in dieser "Kickelhahnstimmung" – wenn ich es so nennen darf, wollen wir vereint bleiben, es als ein Vorzeichen ansehen, daß wir einst nach Ilmenau <li. Rand> kamen, als wir nach Braunlage wollten. Manchmal empfinde ich unser gemeinsames Lebenslos als als ein göttliches Gedicht, in das wir nur hineingestellt sind, ohne unsere Rolle schon ganz zu kennen. Das also wollen <re. Rand> wir noch zu Ende leben. Aus solchem Pfingstgeist heraus die innigsten Grüße. Die gute Susanne und die treueste aller Hausgenossinnen grüßen auch. Dein ebenfalls meistens müder Eduard.