Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Juli 1946 (Tübingen)


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Tübingen, 16. Juli abends.
Meine einzige Freundin! Die Fahrt verlief glatt. Um 17 Uhr war ich in Tübingen, wo Susanne, Prof. Erbe und cand. jur Schwarz mich in Empfang nahmen. Wir gingen zu Marta Wais, geb. Holl. Sie selbst war in Stuttgart, da ihr Mann aus Gefangenschaft gekommen; nur Silvia, das Patenkind, da. Wir erhielten durch große Protektion ein Doppelzimmer im Adler in Lustnau, ebenso sauber wie spartanisch. Heute Besuch beim Staatsrat Schmid, Ministerialrat Rupp, Rektor Steinbüchel. Überall freundlichster Empfang und Hilfsbereitschaft, aber nicht immer gleiches Vermögen. Es ist alles sehr knapp hier, bis zu dem Grade, daß es Postkarten auf absehbare Zeit nicht gibt, auch nur 5 Pf. Briefmarken; die allgemein deutschen gelten hier nicht. Die Wohnungsfrage wird nun das Dringlichste sein; das sieht auch nicht gut aus. Erbe hat allerdings schon eine.
In den beglückenden Nachklang mischt sich bei mir doch die Sorge, daß Dir dies Zusammentreffen verschiedener Erregungen recht schädlich gewesen sein muß. Daß zuletzt auch noch das Wasser in den Keller lief, war die Höhe. So ist heut in alles Schöne immer gleich ein gehöriges Maß von Schwerem hineingemischt. Meine ersten Eindrücke hier sind von gleicher Art: Stadt und Geistesleben schön – aber ohne Tabak, Wein, Bier, selbst Brause, und bei sehr kleinen Rationen ist für die Physis schlecht gesorgt.
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| Wäre ich rechtzeitig Teetotaller geworden!
Vor Dir liegt wieder eine Umzugswoche. Der Tüncher wird nicht pünktlich sein etc. Wolle nur nichts zu schnell bewältigen. Laß Dir Zeit, wenn Du Dein Temperament dazu bewegen kannst! Ich sende gleichzeitig hiermit einen Dankbrief an Familie Bouttmi ab; sage ihn aber auch mündlich von mir.
Zu irgendwelcher Sammlung der Gedanken ist m. gegenwärtige Lage garnicht angetan. Ich bin in Sorge, ob und wie alles gehn wird, anscheinend auch Ida; nur Susanne pickt wieder das Gute heraus. Zu einer Wiederholung meines Besuches würde erst der frz.-amerik. Paß erforderlich sein. Wie glücklich bin ich also, daß wir wenigstens diesen Sonntag hatten. Unsrerseits hegen wir den Plan – da die reg. Bahn nur bis Dornstetten geht – einen Sonntag in Alpirsbach zu erzielen, indem wir am Sonnabend bis Oberndorf oder Bad Sulz fahren, 3½–4 Stunden über d. Höhe gehen (erinnerst Du Dich?) und [über der Zeile] Montag ähnlich zurück. Die gute Luft ermöglicht hoffentlich was der Ernährung nicht abzugewinnen ist. Glückt es, wird es für mich zugleich zur Erinnerungsfeier.
Diese Marken sind hier nicht zu brauchen.
Grüße Matussek und danke ihm sehr nachdrücklich.
Von dem Adlerfenster habe ich einen ganz ländlichen Blick nach Tübingen zu. Der Ort ist sehr verändert. Neue staatliche Universität.
Schluß für heute mit tiefem Dank u. innigen Grüßen aus von Susanne. Dein getreuester Eduard.