Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. August 1946 (Tübingen/Universität)


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Tübingen, "Universität",
Sonntag 4.8.46.
Meine einzige Freundin!
2 liebe Briefe von Dir nach Dahlem sind inzwischen hier eingetroffen, und einer direkt hierher. [über der Zeile] 28./29.7.¹) [li. Rand] Außerdem Karte vom 19.7. Ich habe sehr viel an Deine Umzugsschwierigkeiten gedacht und Dich bedauert, daß Du so viel Strapazen haben mußtest. Aber ich hoffe, daß Du jetzt schon so weit bist, um wieder das Gefühl eines eignen Zuhause zu haben. Dafür ist die beste Gastfreundschaft kein Ersatz.²) [li. Rand] ²) Verfahre mit den jungen Leuten vorsichtig, damit Friede gewährleistet ist.
Uns sind hier nacheinander etwa 7 Wohnungen sehr verschiedener Güte angeboten worden. Eine davon war ideal, groß, sonnig, wohl erhalten. Aber als wir zugreifen wollten, war sie nach der hier üblichen Methode schon anderweitig vergeben. Ich muß mich vorsichtig ausdrücken und sage nur: im Augenblick steht es so: Wir haben die Einweisung für eine 5 Zimmerwohnung an der Neckarhalde 17. Sie liegt unmittelbar unter dem Schloß, in der alten vornehmen Gegend, mitten in der Stadt. Es ist ein
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| altes Haus, dessen Fußböden sich z. T. schon gebogen haben. 5 Fenster gehen südlich zum Neckar heraus + 1 Erker. Man hat den Blick auf die Baumwipfel der Allee unten am Neckar; wenn sie kahl sein werden, wird man die Alb sehen. 4 Fenster + Küche gehen nördlich nach der engen, ziemlich lauten Straße. Nicht ideal, kann aber gemütlich und warm werden. Wann wir einziehen können, hängt davon ab, wann ein Dritter auszieht, in dessen Wohnung die jetzigen geschwätzigen Bewohnerinnen hinein wollen. – Unsre 2 Eisenbahnwagen waren schon vor 8 Tagen hier (!), erstaunlich schnell. Es hat aber bei einem Guß (von dem Kaliber Heidelberg vor 3 Wochen) hineingeregnet und gerade das Klavier betroffen!¹) [li. Rand] Sonst ist immer herrlichstes Wetter. Der Dom von Oberwesel ist erheblich geschrammt und durchstoßen. Die Hardenberger Bücher, 7 Kisten, von denen ich bisher eine im geräumigen Seminar ausgepackt
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| habe, sind so schlimm verdorben, daß sie kaum noch zu brauchen sind. Schmerzlich, da gerade sie einen besonderen Geldwert repräsentierten.
Zunächst sind wir noch provisorisch an der 3. Stelle untergebracht. Zweimal wurden wir aus besseren herausgesetzt; hier begegnete man uns zuerst wenig freundlich. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir selbst aus dieser Enge noch für einige Zeit herausmüssen. Das alles ist höchst unbehaglich und angreifend; diesen Brief schreibe ich mühsam am Nachttisch. Oft sind wir, bes. abends, von Restaurant zu Restaurant geirrt, ohne etwas zu essen zu finden. Viele Wirtschaften haben keine Kartoffeln mehr, und etwas anderes gibt es kaum. Vielleicht wird das etwas besser, da jetzt das Semester geendet hat.
Ich habe schon 3 mal bei Staatsprüfungen mitgewirkt, seit 10 Jahren zum 1. Mal wieder. Oesterreich, der doch eine etwas belegte Stimmung behält (die Damen sind netter) führte Protokoll. Beim frz. Universitätsoffizier habe ich
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| mich vorgestellt. Bestätigt bin ich noch nicht.
Die Wege durch die Stadt (Durchmesser ¾–1 Stunde) sind bei dem Höllenlärm der Autos sehr ermüdend. Wenn wir aber gelegentlich zu einem Spaziergang kommen, entdecken wir immer neue Reize.
Über Hermanns lieben Brief habe ich mich – malgré tout – sehr gefreut. Wann aber werde ich antworten können.² [li. Rand] Herzliche Grüße u. Wünsche für Dr. Matussek. Du ahnst wohl, wie unermeßlich viel nach Berlin etc. zu schreiben ist. Könntest Du ihm das gelegentlich erklären?? Hier kommen auch Studenten, Verleger u. andere Leute schon auf die Bude, wo ich niemand empfangen kann. Auf jedem Amt und fast jeder Treppe begegnen mir Bekannte. Ich sehne mich nach Ordnung und geeigneten Ordnungs[über der Zeile] Arbeitsbedingungen. Mein Direktorzimmer ist hübsch und hat fast denselben Blick wie die Neckarhalde 17. Romantik mit Vor- und Nachteilen.
Susanne tatkräftig wie immer; Ida etwas voll Heimweh, war 2 Tage krank (Sommersache.) Wir alle verbrauchen viel Nerven.
Mit den innigsten Wünschen u. Grüßen <li. Rand> bleibe ich Dein getreuester Eduard.