Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. August 1946 (Tübingen/Rümelinstr. 12)


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Tübingen, Rümelinstr. 12
den 15. August 46.
Meine einzige Freundin!
Seit ich Dir (am 5.VIII?) geschrieben habe, hat sich noch einmal in der Wohnungsfrage alles geändert. Wir haben nun tatsächlich die geräumige, bequem gelegene Wohnung, die wir am meisten erstrebt haben, bekommen. Sie liegt mitten in der Stadt, an dem Flüßchen "Ammer", 3 Minuten von der Universität, 7 Minuten vom Seminar; hat Blick auf den Botanischen Garten, den Oesterberg (Osten) und das Schloß (SW.) Als sich dies entschieden hatte, war ich nun aber auch mit den Kräften fast zu Ende, und das Schlußstück erschien mir, wie auf dem Schöttlkar, noch allzuviel. Jetzt müssen nämlich die vielen, auseinandergenommenen oder -gerissenen Regale noch aufgestellt werden. Die Hälfte der Möbel und Kisten steht noch auf dem Seminar. Alles ist mehr oder weniger beschädigt. Die Handwerker kommen wohl – aber wer weiß wann? – und mit dem Auspacken
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| der zahllosen Bücher kann vorher nicht begonnen werden. Die Unterernährung macht sich doch bemerkbar. Meine Korrespondenz wächst mir über den Kopf. Heute habe ich 15 Briefe eingesteckt, und doch ist eine Erleichterung nicht zu erwarten, weil von der einen Seite Abschieds-, von der anderen Willkommensgrüße einströmen. Könntest Du mir vielleicht ca. 20 Postkartenformulare senden, oder gibt es die nicht mehr?
Trotz allem: wir werden morgen zum 1. Mal in der neuen Wohnung schlafen. Damit fällt der ermüdende, sonnige Weg über die 3 Brücken nach der Ludwigstr. mittags fort (Neckar-, Eisenbahn-, Steinlachbrücke.) Es ist fast immer herrliches Wetter, aber infolgedessen mittags meist heiß. Das Klima ist viel besser als in Heidelberg; nachts wird es ziemlich kalt.
Meine Assistentin, Frl. Dr. Schaal, die ich hiermit vorstelle, ist sehr hilfsbereit, eine ernste, ruhige Dame. Alle Menschen sind freundlich und schenken Obst u. dgl.
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| Besuch kommt schon in Fülle, meistens sind es Verleger, oft auch Studenten von ehemals oder demnächst. Vorläufig kann ich sie schwer unterbringen; denn ich kann noch keine Zeiten festsetzen, zu denen ich auf dem Seminar bin. Susanne und Ida sind tapferer als ich. Ich brauche nun endlich wieder ruhige Arbeitsstunden.
Heute, zu Idas Geburtstag, waren wir zum ersten Mal auf dem Schloß. An Feiertagen (Mariae Himmelfahrt) ist es hier wirklich still; man ist hier noch religiös.
Von Berlin kommen Zeitungsausschnitte und Briefe, meinen Fortgang betreffend. Die ersteren waren bisher sympathisierend; die anderen werfen manchmal die Frage auf, ob alles so richtig und im Hinblick auf die Verteidigung gefährdeten Terrains angemessen war. Wer warten konnte, hätte sich wohl auf eine weitere Zukunft einstellen dürfen; ich konnte es nicht, und nach allen bisherigen Eindrücken bereue ich den Schritt nicht, obwohl er schwer war und immer als schmerzlich nachwirken wird.
Du hast mit dem Wechsel Deines
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| Heims Ähnliches durchgemacht. Wenn es Dir nur nicht geschadet hat! Die Räumerei wird ja noch wochenlang gehn. – Wie steht es bei Buttmis? – Kannst Du mir etwa sagen, was für Arbeiten Dr. Drechsler jetzt vorhat? (Ev. kann ich ihn empfehlen.)
Es ist mir seltsam, wenn ich nun die Kette der Alb fast täglich sehe, die wir von Freudenstadt abends am Turm überblickten. Ich habe nie die leiseste Vorahnung gehabt, daß ich noch einmal von Berlin fortgehn, nun gar in diesen Gegenden leben würde. Übrigens: vorgestern besuchte mich ein früherer Student, dessen Mutter nach Horn verschlagen ist, auf dem Wege dorthin. Unser Hauswirt, der Pastor Schütz, ist eben zur Erholung nach Überlingen gereist. Für mich wäre etwas Derartiges wegen der schlechten Fahrplanverhältnisse und Lebensmittelkartenverhältnisse kaum möglich. Nur nach Sigmaringen fahre ich vielleicht einmal und am nächsten Tage zurück. Nach Norden besteht eine z. Z. nicht leicht überschreitbare Zonengrenze. Hier will ich abbrechen. Wir alle grüßen Dich herzlichst, ganz besonders Dein
Eduard.

[li. Rand] Was heißt das beim Holzaufschichten: "schlecht abgestützt?