Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. August 1946 (Tübingen/Rümelinstr. 12)


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Tübingen, Rümelinstr. 12, den 21.VIII.46.
Meine einzige Freundin!
Nach Empfang Deines lieben Briefes vom 18.VIII. beschäftigt mich wieder die Sorge, daß Du über Deine Kräfte gehst. Ich fühle sehr nach, daß Du endlich wieder eine geformte Umwelt haben möchtest. Aber die Bücher z. B. kannst Du doch bis auf weiteres einfach aufschichten. Besteht keine Möglichkeit die Bilder jetzt noch heraus zu bekommen? Ein Interesse bei den neuen Bewohnern liegt doch nicht vor. Es ist nur bei der langen Zeit, die schon verstrichen ist, zu befürchten, daß sie einfach weggeworfen worden sind. Aber fragen muß man doch und kann man. Oder hast Du sie doch mitgenommen und nur irgendwo untergekramt?
Wir sind ein großes Stück vorangekommen. Heute vor 1 Woche wohnten wir die letzte Nacht im provisorischen Asyl. Dann übersiedelten wir, und wir hatten das besondere Glück, gleich geschickte Leute zu bekommen, die die auseinandergerissenen Regale gut aufgestellt haben.
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| Und sie paßten sogar sehr gut zu den neuen Ort. Als die fertig waren, habe ich sogleich angefangen, die ca. 180 Kisten auszupacken. 3 Tage lang habe ich je 8 Stunden daran gearbeitet. Das ist nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch geistig. Denn es muß alles sorgsam kalkuliert werden: Verteilung der Gebiete und Anordnung für einen zugleich bequemen Gebrauch. Jedes kleinste Heftchen muß angesehen werden, wohin es gehört; sonst ist es auf immer verschwunden. Nun waren 7 große Kisten aus Neuhardenberg gekommen, die ich in Berlin garnicht erst ausgepackt hatte. Hier haben wir uns den Schaden besehen. Viele Bände sind durch Wasser und Schutt bis zur Unkenntlichkeit verdorben, so daß sie unter die ordentlichen Bücher garnicht mehr aufgenommen werden können. Das waren gerade materiell besonders wertvolle Sachen. (Gesamtwerke, Serien, Kunstgeschichtliches). Man muß es ebenso tragen, wie die Beschädigungen, die an jedem Möbelstückx) [li. Rand] x) Der Regen, der in den Eisenbahnwagen fiel, hat vor allem natürlich das Klavier betroffen (beträuft?) sind, und für wie die Verluste an Kostbarem oder für den Gebrauch unentbehrlichen Porzellan. (Susanne nimmt auch dies heroisch.) Es war ja doch wie eine Flucht; und wer darf sich rühmen, noch 6–8000 Bücher zu haben? Sie finden
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| auf den Regalen und Behelfsbrettern nicht einmal Platz. Heute kann ich noch nicht übersehen, wie ich mir da helfe. Bei der Arbeit und der schmalen Kost bin ich nun wirklich wie ein Stock geworden. Es ist auch deshalb höchste Zeit, daß ich zu einer ruhigeren Lebensweise komme. Mein Arbeitszimmer hat schon façon bekommen. Nur liegt noch viel herum, was – wie ich auch Dir empfehle – nur langsam an seine Stelle kommen kann. Behaglichkeit tritt bekanntlich erst ein, wenn der Tapezierer dagewesen ist.
Nebenher geht immer die Fülle von Posteingängen. Jedermann will etwas, meistens eine Bescheinigung, daß er nie Nazi gewesen ist (nachdem er 14 Jahre von sich nichts hat hören lassen.) Ich muß da einmal vieles liegen lassen, bis ich Zeit habe. Allzu oft habe ich ja die, die etwas von mir wollen, nicht warten lassen. "Notzeit" ist schließlich auch für mich.
Erschwert wird die Geschichte auch dadurch, daß ein großer Teil der Möbel und Kisten erst im Seminar abgestellt wurde. Das mußte extra herangeschafft werden. Aber 25 Kisten kamen nicht mit, ein Teil der Bücher war schon dort ausgepackt worden. Die hilfreiche Assistentin und Susanne haben
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| das meiste mit dem Handwagen herangeholt. Weit ist ja von der Rümelinstr. nichts, und außerdem geht der Weg bergab.
Auch Besucher schneien immer wieder herein. Durchreisende gibt es ebensoviele wie in Berlin. Endlich sind die Vorlesungen noch in Erlangen und ein großer Koffer. Die ersteren kommen in Päckchen zu je 1,20 M. Wie es mit dem Koffer wird, muß man sehen. Wenn Dir bei Deinen "Räumungsarbeiten" die kl. Packete, die ich 1943 an Dich gesandt habe, in die Hände fallen sollten, lege sie so beiseite, daß man die finden kann. Darin ist u. a. das Bild meiner Mutter, von dem ich nun seit 3 Jahren getrennt lebe. Aber eilig ist das nicht.
Ist Matussek noch auf dem Kümmelbacher? Er könnte wegen Deiner Bilder doch vielleicht einmal zum Billeting Office gehn? Die Klinik laß nur einige Zeit unbesucht. Auch für die Augen fehlt die richtige Ernährung.
Parallelität der Erlebnisse: Die oberen kl. Schubläden des großen Schreibtischs ließen sich nicht mehr schließen (er quoll dauernd.) Die Leute haben keine Nägel vorgesetzt. Ein glücklicher Umstand fügte es, daß das Kinderbild von Dir (1 Jahr alt) –  – im Möbelwagen noch lose aufgefunden wurde. Es ist spät. Ich breche ab mit innigsten Grüßen wie stets. Dein Eduard.
[li. Rand] Susanne u. Ida erwidern herzlichst Deine Grüße.