Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. September 1946 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, 1. September 46.
Meine einzige Freundin!
Zum 31.8 .wollte ich schreiben; nun ist es nicht einmal am 31. dazu gekommen. Ich baue den sonstigen Berg Post allmählich ab; dabei schreibt man sich allmählich aus. So etwas, wie das mit dem Sparkassenbuch, sollte man nicht tragisch nehmen. Ich bin überzeugt, daß es irgendwo ganz ruhig liegt. Als wir in Berlin mit dem Packen fertig waren und die Packer das Haus verlassen hatten, waren auf einmal 1500 M weg, die ich Susanne gegeben hatte. Ich fand sie dann in einer Tüte mit Zeugs. Das ist eine Folge der Überreizung. Das Wichtigste ist, zur inneren Ruhe zurückzukehren, und die äußeren Dinge nicht zu wichtig zu nehmen. Ich verpflichte Dich, eine Technik zu finden, die Dich mit den Kräften wieder in die Höhe kommen läßt. Entferne jeden Gedanken, uns etwas zu schicken. Wir kommen mit allem aus. Auch bei uns findet sich peu à peu das Vermißte.
Anbei eine ziemlich ungenaue Skizze. Die Stiftskirche hat leider nicht 4 Evangelisten, sondern nur, ziemlich unsichtbar, ihre 4 Tiere. Der Herr v. Weizsäcker, Schwager des Bildhauers v. Grävenitz, ist übrigens jetzt leider verhaftet. – Der Eingang zu unserer Wohnung ist diametral entgegengesetzt zur Tür von Idas Zimmer, also an der Badestube.
[2]
|
Franke ist leider gestorben. Er war mit Frau zur Akademieeröffnung nach Berlin gefahren, besuchte uns, ohne etwas zu ahnen, nahm an der Feier teil, 2 Tage danach hatte er sein 60jähr. Doktorjubiläum. In der Nacht erkrankte er, wie 1933, an Darmverschluß und starb am nächsten Tage in der Charité (ca 84 Jahre.)
Der Graf Hardenberg hat uns überraschend hier besucht. Er kommt zu einem bekannten Mann nun wohl öfter hierher. An Hermann habe ich geschrieben. Cilli Oesterreich war zur Erholung in Oberstdorf, fand Publikum, Essen schlecht und klagte über nicht erfrischende Luft, wie wir sie damals empfanden.
Ich habe mich mit dem Bücheraufstellen auch übernommen und muß mich jetzt recht schonen. Es stehn noch ein paar Kisten unausgepackt da und leider auch noch alle ausgepackten. Im übrigen fehlen nur noch die Gardinen und das Brennholz für den Winter. Unser Hauswirt ist recht befriedigt aus Überlingen zurückgekommen, Helmuth v. Glasenapp von Tegernsee, wo er mit v. Dirksen und Botschaftsrat a.D. Nöbel (Tokyo) zusammengetroffen ist. – Die französ. Bestätigung für mich ist immer noch nicht da. Ich hatte aber angenehme Begegnung mit 1 Professor aus Dijon, der über Hegel arbeitet. Vorgestern bekam ich einen Ruf nach München – auf ein Extraordinariat!! – Ich habe einen ganz lebhaften Briefwechsel mit Käthe Silber. Feilchenfeld, der m. span. Bekannten Prof. Roura in Pennsylvania getroffen hat (wie Käthe Silber die Marja in England.) und Zollinger.
Das Wetter wird allmählich schlechter, die Tage kürzer. Mittwoch fahre ich mit dem Rektor und Dekanen zu einer Buchausstellung nach Stuttgart. Sonst schreibe ich Briefe, Briefe und fülle Fragebogen der Amerikaner für <li. Rand> Verlagsobjekte aus. Nimm heute mit dem kurzen Zettel vorlieb, Ich grüße Dich innigst und bitte nochmals um Rückkehr zur inneren Ruhe.
Dein Eduard.

[re. Rand] Dank für die Postkartenformulare!
[3]
| <Beiliegend die oben erwähnte Skizze der Wohnungsumgebung; darunter folgende Bemerkung:> Lies Goethe über s. Aufenthalt in Tübingen 1797 (3. Schweizer Reise)