Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. September 1946 (Tübingen)


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Tübingen, den 15. September 46.
Meine einzige Freundin!
Als ich vor ca 10 Tagen auf einer Wiese zum 1. Mal Herbstzeitlosen sah, dachte ich: das gehört nun auch zu den freundlichen Jahreszeitgewohnheiten, die durch die Umstände in Fortfall gekommen sind. Aber siehe da: kurz darauf kam Deine liebe Sendung doch und verschönte zum 1. Male mein Arbeitszimmer. Ich habe mich ungeheuer gefreut und danke Dir herzlichst. Das Siebenmühlenthal ist doch wohl da bei den Conrads?
Du solltest Dir die Geschichte mit dem Sparkassenbuch nicht zu Herzen nehmen. Mir ist, ohne eigentliches Verschulden, in den letzten Wochen etwas sehr viel Unangenehmeres passiert.x) [li. Rand] x) Parallelität der Fälle! Ich will darüber nicht berichten. Es hat viel Korrespondenz gekostet, obwohl die Sache selbst nicht reparierbar war. Ich schreibe Derartiges immer noch auf Kriegskonto und vergleiche mich mit denen, die viel größere Verluste tragen müssen.
Ich erhielt Deine lieben Briefe vom 27. August [unter der Zeile] an Suse, [über der Zeile] 1. und 8. September. Vielleicht hast Du inzwischen schon durch Nieschling, der Dich besuchen wollte, direkte Grüße erhalten. Meine Nachrichten haben eine etwas längere Unterbrechung erfahren, weil es mir etwas unter denm Strich gegangen
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| ist (Folge des Räumens und der Unterernährung, die im Anfang hier nicht zu bekämpfen war.) Ich habe mich 14 Tage lang ruhig verhalten, langsam wieder zu arbeiten begonnen, und inzwischen ist auch die Verpflegung im Hause so geworden, daß ich wieder in die Höhe komme. Zeitweise war mir die Situation etwas beängstigend.
Es kommen überraschende Besuche. Nach dem schon erwähnten des Grafen v. H. erschien eines Tages Herr Robert v. Mendelsohn, der mit s. Mutter jetzt auf einem Gut in der Alb lebt. Dann Nieschling mit dem anderen alten Klosterkameraden Hilgenberg. Für den 21. September sind zu erwarten: Frl. Titze (Dahlem) Frl. Krogner (bei Blaubeuren), Frl. Dr. Jung (Hannover.) – Frl. Geppert konnten wir noch vertragen. Dieses Herumreisen der Frauen in einer Zeit, [li. Rand] !! wo man für die wichtigsten Geschäfte keinen Passierschein bekommt, gehört zu den ärgerlichen Mißbräuchen.
Wir haben in 50 Tagen zu dreien 1,20 M Fahrgeld verbraucht (heute.) Einmal waren wir in dem entzückend gelegenen Kloster Bebenhausen, einmal bei dem Indologen v. Glasenapp (Ibis Vetter) und dem hochberühmten Orientalisten Littmann. Unser eigner erster Kaffeebesuch war die frühere Marta Holl, mit Ihrem Mann Prof. Wais. Meine leidend aussehende Assistentin Frl. Dr. Schaal habe ich in den Urlaub geschickt.
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| Zu Oesterreichs sind wir häufig mit herangegangen (Waldhäuser Str. 33.) [über der Zeile u. re. Rand] hoch über der Stadt herrliche Aussicht! Er hat heute Geburtstag, ist aber ganz überraschend in den Ruhestand versetzt worden (65 Jahre.) Er macht in der Tat einen recht stumpfen Eindruck. Die arme Cilli!
Heute Nachm. sind wir über 1½ Stunden zu dreien marschiert, um Herres in einem Schloß Bühl zu besuchen, wo er seit 1 Jahr wohnt. Es war eine recht angenehme Begegnung. Nur ist mein Harem bei solchen Gelegenheiten immer auf Äpfelklauen oder Äpfelgeschenke bedacht, was ich weniger schätze.
Georg Weise habe ich noch nicht besuchen können.
Die Vorhänge sind noch nicht angebracht, werden jedoch im ganzen ausreichen. Auch mit dem Geschirr scheint es noch zu gehen. Nach den guten Fortschritten der Einrichtung seit dem 17. August ist jetzt eine Stagnation eingetreten: die leeren Kisten werden nicht abgeholt, die Öfen nicht eingesetzt, das Holz ist noch nicht herein etc.
Drechsler habe ich bei der T.H. in Stuttgart empfehlend genannt. Ich glaube aber nicht, daß etwas daraus folgt. Andeuten kannst Du ihm, daß ich in geeigneten Fällen an ihn denke. Über den geschäftstüchtigen Kollegen G. hat sich Wenke so scharf geäußert, daß ich ganz erschrocken war. Wenke will, wenn er kann, bald einmal hierher kommen und sogar unseren großen Koffer aus Erlangen mitbringen. Das
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| wäre erfreulich. Denn ich habe "nichts anzuziehn."
Von Berlin sind die Nachrichten spärlich, und die, die kommen, sind schlecht. Mit meinen Publikationen stockt wieder alles, weil die Amerikaner für die kleinste Sache 1 Lebenslauf, den großen Fragebogen (138 Fragen) und 3 kleine Fragebogen verlangen. Dafür habe ich jetzt meine Zeit. Ich sah übrigens mit eigenen Augen: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Veröffentlicht unter Nr. X. der Militätregierung."
Am 1.X. sollen die Vorlesungen endlich anfangen. Hier der Stundenplan, der sehr anstrengend sein wird: Philos. Kants, Do 8–9. Frei 8–10. Kinder- und Jugendpsychol. Samstags 8–10. Übungen für Anfänger: Fichte, Bestimmung des Menschen. Mo. ¾ 3 – 4. für Fortgeschrittene: Übungen zur Soziologie des Wissens Di. 5–7. Außerdem für Oktober schon 2 Extravorträge.
Es schlägt 10. (Unsere eignen Uhren schlagen jetzt manchmal 15 oder 27 oder so etwas.) Ich bin müde und schließe mit nochmals herzlichem Dank für die Blumensendung.
Inniges Gedenken und gleichsinnige Wünsche. Dein Eduard.