Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Oktober 1946 (Tübingen/Rümelinstr.)


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Tübingen, Rümelinstr. 12
den 6. Oktober 46.

Letzterhalten am
2.X vom 29.9.
Meine einzige Freundin!
Dies ist der 16. Brief, den ich am Wochenende schreibe, – ohne daß der Streß des Unerledigten irgend sichtbar abnähme. Hat man Papier und Umschlag, so ist die Feder schlecht, oder anders herum. – Ich weiß nicht genau, bis wohin meine letzte Nachricht reichte; denn ich hatte und habe jetzt ungeheuer viel im Kopf haben müssen.
Von Frl. Krogners Besuch heute vor 14 Tagen (bei herrlichem Wetter in Bebenhausen) habe ich wohl noch nicht geschrieben. Sie wird wohl bald auch bei Dir auftauchen, was da bedeutet, daß man viel zuhören darf; hier aber kam sie wie ein Weihnachtsmann an. Gleichzeitig war Frl. Titze hier. Am vorigen Sonntag war auch wunderbare Sonne. Da saßen wir bei unserem hiesigen Spediteur Walter in seinem Garten dicht am Neckar (und Hölderlinturm) und tranken guten Kaffee; die Frau stammt aus Neukölln. Tags zuvor war ich allein den halben Weg nach Reutlingen gegangen, um mich in der Gegend zu orientieren.
Das Wichtigste auf beruflichem Gebiet ist wohl, daß mir nun von Magnificenz (einem eminent liebenswürdigen kath. Theologen) meine Ernennungsurkunde ("auf Lebenszeit") eingehändigt worden ist. Das Semester selbst hat auch endlich angefangen, wobei – gemäß meinem konstitutionellen Schicksal – meine Assistentin leider krank
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| war. Meiner ersten Vorlesung am Donnerstag um 8 wohnte der Rektor bei, der aufs höchste entzückt war. Der Hörsaal mit 340 Plätzen war gänzlich gefüllt; ebenso am Freitag 8–10. Bei dem Thema Kant ist das alles Mögliche. Ich stellte fest, daß ich trotz Entwöhnung und totalster Abmagerung noch Vorlesungen halten kann. Gestern früh um 8 (8–10 Kinder- und Jugendpsych.) mußte ich – wie einst 1910 als Privatdozent – ins Auditorium maximum übersiedeln; (annähernd 500 Leute.) Da entwickelte sich nun auch schon Stimmung, und das Terrain der öffentl. akademischen Meinung darf als erobert gelten. Denn erfahrungsgemäß hängt vom 1. Eindruck alles ab. Cilli war auch da; ich ging dann mit ihr ein paar Straßen und hatte wieder herrliche Freude an ihr.
In der morgen beginnenden Woche wird es nicht leicht sein; da habe ich jeden Tag zu reden; Mittwoch findet ein Sondervortrag statt: "Gibt es eine Erziehung des Gewissens?" Montag und Dienstag setzen die beiden Seminare ein. Aber für die "Soziologie des Wissens" hat sich noch niemand gemeldet – aus Angst vor der Schwierigkeit.
Meine beiden Frauen sind unablässig mit dem Fouragieren beschäftigt. Hauptsorge ist, ob diese Woche das Holz herein kommt (heute gießt es!)
In der Glasveranda wohnt jetzt ein stud. theol. Stützel aus Aalen; ein junger Mann von besten Formen; begabt soll er außerdem sein, wie Romano Guardini mir gestern sagte (ich war im Auto mit ihm u. dem Rektor zur Eröffnung einer frz. Jugendausstellung in Reutlingen.) Ich will versuchen, ob ich mit St.s
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| Hilfe ein Treffen zwischen Wenke und mir in Aalen herbeiführen kann. Sein (Ws.) letzter Brief war aber aus einem Nürnberger Krankenhaus; er leidet an Gelbsucht (ich fürchte, es ist Konstitutionelles dabei.)
Endlich hat auch der Dekan in Berlin mein Abschiedsschreiben freundlich beantwortet. Sonst aber schreiben viele in Berlin nicht, die es müßten. Vielleicht eine um sich greifende Entmutigung? Meineckes Buch: "Die dtsche Katastrophe" habe ich gelesen. Erstaunlich! Gerecht, vornehm, mutig; man wird nirgends verstimmt. Außerdem habe ich für die hier erscheinende "Universitas" schnell einen Artikel geschrieben. Er ist schon gesetzt. Sollte wohl gar einmal etwas von mir erscheinen??
Georg Weise habe ich besucht, aber nicht getroffen. Mit den Antrittsbesuchen in meiner Fakultät bin ich fertig. Mich hat die Schwiegertochter von Eugen Diederichs besucht, die ebenfalls aus jenen Landen mit ihrem Mann herausstrebt. Auf der Straße begegnete mir ein Berliner Kollege, der dort nicht wieder zugelassen ist, und brüskierte mich. Ich habe darüber beim Dekan Beschwerde erhoben. Sein Fall ist überhaupt nicht durch meine Hand gegangen.
Hermannx) [li. Rand] x) Sein "Freund Mack" ist Vorsitzender der Prüf. Komm. fürs höhere Lehramt hat inzwischen wohl meinen Brief erhalten. Sein Wunsch nach Drucksachen ist verständlich; er kommt fast jeden Tag. Leider habe ich keine Doubletten mehr, und ich könnte ein ganzes Büro beschäftigen. Sind doch hunderte von m. Bekannten jetzt ohne jedes Buch.
Ich will anfangen, Hauffs "Lichtenstein" wieder zu lesen, ehe wir hinfahren. Es ist mindestens 49 Jahre seit der 1. Lektüre her.
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Manches ist hier nicht so einfach. Jetzt muß wieder jeder Brief zur Post getragen werden. Denn es gibt keine Briefmarken; dafür gibt es aber Postkarten schon seit Monaten nicht. Mit dem Tabak (ich rauche nur noch Pfeife) ist es ganz trübe hier. Das fehlt mir besonders.
Eine ganz vertraulich zu behandelnde Sache: ich ließ damals einen Regenschirmruine bei <unleserliches Wort> Buttmi; die mag da bleiben. Hingegen gefiel mir sehr der Hut des seligen alten Hrn. Buttmi. Glaubst Du, daß der für 40–50 M zu haben wäre? Der meinige ist jenseits des Erträglichen, bzw. Tragbaren.) Irgendwann kommt doch einmal d jemand via Heidelberg hierher, und das wäre ja kein Gewicht. Eine andere Sache, die sehr viel Zeit hat: In der Dantestr. (7?) wohnt die kinderspinale Studentin Wilfriede Haberkorn. Ich schulde ihr einen Brief (Dank betr. 27.6.), sie aber [über der Zeile] mir längst ein Buch: (Wieser, Der sentimentale Mensch. Wenn Du garnichts anderes vorhast, bringe doch den Dank und hole das Buch.
Nun habe ich wohl so ziemlich alles ausgekramt, was mir am Herzen lag. Grüße bitte Drechsler (für den ich nach Mainz geschrieben habe) und die Brüder Matussek. Beachte jede Vorsicht in der Übergangszeit, rege Dich nicht auf (ich z. B. habe den Sternenkoller) und sorge dafür, daß Du im Winter etwas zu essen hast.
Wir drei grüßen vielmals. Ich bleibe innigst und treu
Dein
Eduard.