Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Oktober 1946 (Tübingen)


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Tübingen, 19. Oktober 46.
Meine einzige Freundin!
Rouge ou blanc? Ich optiere für weiß. Schon längst wollte ich Dir schreiben, daß ich von meinem Arbeitsplatz, der die volle Morgensonne hat, einen Gingkobaum sehe; ein zweiter wird durch den ersten verdeckt. Beide sind noch im vollen Grün. Aber morgens ist die Temperatur um 0°, mittags steigt sie, bei Sonne, noch bis 20°. Im völlig ungeheizten Zimmer ist es trotzdem manchmal recht unbehaglich. Unsre 3 cbm Holz liegen noch im Walde, und wie wir sie hereinbekommen, das ist die letzte große äußere Sorge.
Sonst ist alles gut im Gange. Ich halte beide Vorlesungen im Maximum. Auch das Hauptseminar hat jetzt mit geeigneten Leuten einen guten Anlauf genommen. Alles zusammen, mit wieder 1 Extravortrag in dieser Woche, ist doch ein bißchen viel. Ich schreibe deshalb heute nur kurz. Denn am Wochenende muß immer ein Stoß von Briefen geschrieben werden, auch mancher recht überflüssige.
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Frl. Franziska Lehmann in Berlin ist mit über 84 Jahren verarmt nach einem arbeitsreichen tapferen Leben gestorben. Das war meine älteste Freundin. Ich habe sie seit ca. 1885 gekannt. Heute kam zu meiner Freude ein Brief von Johanna Richter (Wezel) aus Canada. Ebenso erfreulich war ein – allerdings rein philosophierender Brief von Louvaris, der wieder frei zu sein scheint. Aber sein Sohn ist von kommunistischen Horden verschleppt.
Hier großer Wahlsieg der CDU.
Heute Nachm. waren wir zum Kaffee bei der Assistentin des Psychol. Instituts (also jetzt Oesterreichs Assistentin). Es stellte sich heraus, daß sie aus Freudenstadt stammt. Von Grüningers wußte sie nichts, wohl aber von Heinzelmanns. Diese Assistentin wohnt übrigens in einem der seltsamen Studentinnenhäuschen, die das verstorbene Frl. Reinhard gebaut hat (Du erinnerst Dich an Ihre Erzählung auf der Reichenau.)
Daß Du "Buchelen" gesammelt hast, mißbillige ich wegen Deines Kreuzes. Es ist hier reine Manie.
Für den November plane ich eine Begegnung mit Wenke in Aalen; er hat übrigens einen Ruf nach Hamburg. Wirke auf den guten Matussek ein, daß er nicht ohne Terminvereinbarung hierherkommt. Es ist ein solcher Confluxus von ange<li. Rand>meldeten u. unangemeldeten Besuchen, daß ich nie zu gesammelter Arbeit komme. Und ich habe schon wieder einen schulpolitischen Auftrag. Eben 21½ kommt Susanne aus der <re. Rand> Alotette in der Stiftskirche zurück. Mir ist es da zu kalt. Und noch eine erfreuliche Nachricht: Idas Schwester und Nichte, ihre einzigen Verwandten, sind endlich aus Breslau heraus u. in Hoyerswerda. Wir versuchen, sie hierher zu bekommen. (Schwer!)
<Kopf>
Innigste Grüße, auch von Susanne, Dein getreuer Eduard.

[li. Rand S. 1] Vorgestern habe ich solo einen Mediationsspaziergang auf der Höhe hinter Oesterreichs Hause gemacht, bis zu einem Waldrande, von wo ich noch Tannenzapfen mitbringen konnte. Wunderbarer Blick und Abendbeleuchtung.