Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. November 1946 (Tübingen)


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Tübingen, den 2. November 46.
Meine einzige Freundin!
Soeben ist Frl. Geppert von uns gegangen, mit der wir von 8–20 Uhr zusammen gewesen sind. Eine solche Arbeitsunterbrechung ist mir nur dadurch möglich geworden, daß Freitag und heute (Samstag) die Vorlesungen (insges. 4 St.) ausfielen. Nach Allerheiligen fing man am Sonnabend garnicht erst wieder an. Das ist nur eine scheinbare Entlastung; denn es muß wieder eingebracht werden. Aber es war mir wegen des Besuches doch ganz erwünscht, um so mehr als ich mich am Montag in den immer noch ungeheizten Räumen erkältet hatte. Trotzdem las ich weiter, hielt auch am Mittwoch für die 3 Oberklassen der Oberschulen den Sondervortrag "Jungsein und Altsein" (mit Erzählung von der alten [!!] Jugendbewegung.) Überhaupt habe ich vom 1.–30. Oktober nur einen Tag ohne Vortrag oder Seminar gehabt. Das geht bei meinem Zustande doch stark über die Kräfte her. Zu allem anderen habe ich auch noch eine Denkschrift über Lehrerbildung gemacht. Aber alle
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| diese Dinge verlaufen doch sehr befriedigend (gleichbleibender Besuch), und Susanne erleichtert mir alles in aufopfernder Weise.
Den Mathematiker Müller-Treffzer habe ich noch nicht kennen gelernt, wohl aber in einer Sitzung Georg Weise, der aber noch in seinem Sommerhause in Hagelloch lebt. Sein Bruder war Oberregierungsrat im Amt von Hans Honig und teilt dessen Schicksal. Hans Volkelt war auch einmal aus Bietigheim hier; überhaupt: es gibt Tage, an denen bis zu 7 Besuchen kommen. Morgen wird Nieschling erwartet.
Schade, daß es mit dem Hut nicht geglückt ist. Ich kann mich mit manchen Sachen kaum noch sehen lassen. Von der Wilfriede H. hattest Du anscheinend auch keinen zu günstigen Eindruck. Meine geplante Begegnung mit Wenke ist auch deshalb sehr nötig, weil ich in den Besitz der bei ihm aufgehobenen Sachen kommen muß. Aber den Paß habe ich immer noch nicht.
Anfang 44 (?) habe ich Duplikate, z. T. auch Unica meiner eignen Schriften "durch Güte" nach Bad Kleinen in Meckl. verlagern können. Ich habe mich nun durch eingeschriebenen Brief nach dem Verbleib
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| erkundigt, habe aber weder Antwort noch den Brief erhalten. Wenn das verloren sein sollte, so würde mir von den älteren Sachen manches fehlen. Ich würde Dich im Notfall um dies oder jenes bitten. Dankbar wäre ich, wenn Du Zurückfall an mich bestimmtest. Aber solche Sachen sind ja heute auch nicht gerade wichtig.
Die neuen Zeitschriften werden für die Autoren geradezu eine Plage. – Dem Direktor Weitsch in München hatte ich auch einen ganz hübschen Artikel geliefert. Jetzt schrieb er mir, ein anderer, Gewichtiger, wolle an seinem Blatt nicht mitarbeiten, weil ich – belastet sei. Hitler (!) hätte mich nach Japan geschickt und ich hätte in einer nationalsoz. angekränkelten Gesellschaft für Philo. eine führende Rolle gespielt; was beides nicht wahr ist. Aber so wird man in Deutschland Leute von Format los. Ich habe natürlich den Artikel zurückgefordert.
Von dem Artikel im "Tagesspiegel" mit dem dummen, nicht von mir stammenden Titel habe ich mit Mühe und Not 1 Exemplar erhalten. (Von anderem höre ich nur, daß es unter die Leute gekommen sei.) Der "Tagesspiegel" hat nun auch einen Aufsatz "Abschied von der Berliner Un." gebracht, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen läßt; es soll noch ein weiterer gefolgt sein. Spät abends erwacht Berlin.
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Das Heft "Entwicklungspsych." ist sehr schlecht stenographiert und von mir nicht durchgesehen. Wenn Du das hinzufügst, gib es nur an Matussek. Ich gratuliere ihm herzlich. Für seinen Besuch wird es schwer sein, eine freie Zeit offenzuhalten. Denn der 16. oder 23. müssen für Wenke reserviert bleiben. Am 2.XII. aber habe ich schon wieder einen Extravortrag, außerdem müssen Gutachten schnell fertig werden. Also wäre es erst am 7.XII. möglich, wirklich ein paar ruhige Stunden zu haben. Sonst aber hätte der Besuch doch keinen Zweck. Bringe ihm dies zart bei. Denn persönliche Verpflichtungen, für die ich die Zeit nicht erübrigen kann, regen mich immer sehr auf. Ich möchte für jeden gern da sein, bin aber der Flut auch nur der Briefe schon längst nicht mehr gewachsen.
Also die Bilder sind wieder da! Meinen Glückwunsch! Meine Berliner Verluste ließen sich nicht wieder ausgleichen, aber neue sind hoffentlich verhindert.
Unser Holz wird für diese Woche – nach wie vor erwartet. Inzwischen heizen wir mein Arbeitszimmer mit gütig geschenktem. In Berlin lagern für uns ein amerik. u. ein Schweizer Paket. Ohne solche Zuschüsse ginge es nur sehr schlecht. Hoffentlich kommt beides hierher. (?) Und noch ein "hoffentlich": Hast Du der guten Dorer für ihre rührende Hilfsbereitschaft in m. Angelegenheit nochmals gedankt? Tout Munic spricht jetzt davon, ich käme dorthin. So schreibt auch Frau Kerschensteiner. Flitner hat sich in Oberstdorf erholt – käme gern dauernd hierher.
<li. Rand> Eben [über der Zeile] 21 Uhr kommt Susanne, die Frl. Geppert nach Hause gebracht hat, zurück. Heut im Walde v. Bebenhausen (herrlich) hat sie noch Brennholz gesammelt u. geschleppt. Immer tätig.
<re Rand>
Viel innige Wünsche u. Grüße von und dreien. Dein Eduard.

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