Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. November 1946 (Tübingen)


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Tübingen, den 16. November 46.
Meine einzige Freundin!
Es ist mir reichlich schlecht gegangen in den letzten 10 Tagen: immer etwas Fieber, einmal recht viel; aber ich habe die Vorlesungen etc. nicht zu unterbrechen brauchen und sie haben auch qualitativ m. W. nicht zu sehr gelitten. Einen Tag habe ich mich nach der Vorlesung ins Bett gelegt, und das hat günstig gewirkt. Infolge meiner Erkältung haben wir angefangen zu heizen; mit geliehenem und geschenktem Holz; das unsre liegt noch im Wald, und auch der angerufene Oberschte (der Forstdirektor) hat bisher nicht geholfen. Dieser Kampf dauert fort.
Den Paß für Aalen habe ich nicht erhalten. Also fällt die Begegnung mit Wenke am 23.XI. weg, was mir wegen meines Befindens schließlich recht ist. Andrerseits: er hat einen Ruf nach Hamburg. Im Zshg damit wäre vieles zu besprechen. Hier nämlich hat Weniger abgesagt; es kommt nun wohl nur Flitner in
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| Frage, der bereit wäre. Oder auch Wenke? Für ihn scheine mir das nicht so sehr angenehm.
Ich habe mich einen Abend herausgewagt, und wir haben ein Brucknerkonzert (Symphonie + Tedeum) in dem gestopften Festsaal der Universität gehört. Andre Darbietungen mußte ich versäumen. Besucht hat uns 1) Nieschling, den mein Vater mit s. scharfen Zunge heute eine Flöte nennen würde. 2) Herre, der immer Neues aus der Welt bringt; wir werden am 8.XII. mit ihm Silberne Hochzeit feiern (seine nämlich.)  3) gestern Frau Geheimrat Kühne und Rudolf Kühne. Er geht als gecharteter Physiker nach Toulouse (auch eine Flöte); Frau, Kinder, Mutter kommen ev. nach. Wer hätte 1925 auf dem Heuberg an eine solche Begegnung in Süddeutschland gedacht? 4) Sohn und Tochter Munk, sehr nett. Der Vater hat eine erhebliche Gallenoperation durchgemacht; es geht aber besser.
Ich habe wohl schon mitgeteilt, daß in Berlin eine Pressekampagne gegen Un. u. Rektor eingesetzt hat, die nichts an Schärfe zu wünschen übrig läßt. Der neue Dekan der neuen sog. Päd. Fak., Arthur Liebert (einst Levy), der aus Birmingham zurückgekommen war, ist in Berlin gestorben.
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Unser Marienbader Freund D. hat ein "Buch der Erinnerung geschrieben, welches in Wahrheit eine Klatschkiste ist. Eine sehr scharfe Stelle gegen Günther, den rätselhaft Veränderten: "Hans RGG, Denken tut weh."
Mein Hauptseminar erreicht eine bemerkenswerte Höhe. Die Studenten haben auch sonst meine Methode bereits verstanden: Gründlichkeit, nicht Feinschmeckerei.
Von Frl. Gepperts Besuch hatte ich wohl schon berichtet? Weg durch farbigen Wald nach Bebenhausen. Aber mit größerem Naturgenuß ist vorläufig nichts: Sonntags gehen kaum noch Züge. Der nächste Besuch, der auf dem Programm steht, wäre also Matussek am 30.XI. Er wird Dir dann 2 Exemplare Goethe mitbringen. Die anderen Sachen sind nach ein paar Korrekturbogen wieder stecken geblieben. So ist es heute.
Ich erhalte voraussichtlich bald eine doppelte Lebensmittelkarte, allerdings für eine Arbeit, die nicht angenehm ist. Aber die Karte ist hier höchst dringlich.
Die Stadt Sigmaringen hat mich um einen Vortrag gebeten; ich habe erwidert: im Winter nicht.
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Zum privaten Lesen komme ich garnicht mehr. Hauffs "Lichtenstein" ist zu langweilig für reifere Jahre. Jetzt habe ich das "Justinus Kerner-Haus." Ich würde gern Tieferes lesen. Aber ich kann nicht viel mehr als 8 Stunden geistig tätig sein; dann ist es 22 Uhr. Um 6.40 stehe ich auf, um ¾ 12 das erste Essen bei der Tante Emilie (gebürtig aus Endor.); gleich danach zu Hause das zweite (das erste Kartoffeln u. Kohl, das zweite Kohl u. Kartoffeln, immer K.K.) Um 14 Uhr Tee, um 19 Uhr Abendbrot. Mit dem Tabak stand es in der letzten Zeit nicht schlecht wegen einer hertzlichen Spende vom Schwarzen Meer.
Einen sehr langen und lieben Brief hatte ich von Kornis, mit dem ich nach wie vor sehr harmonisiere. Kemény u. Frau haben sich vergiftet. Prohaszka lebt. Die Verbindung dorthin ist wieder angeknüpft. Die Schweiz verhält sich sehr viel weniger warm. O die Selbstgerechtigkeit!!
Im übrigen: wenn Du meine Meinung hören willst: so geht es nicht. Wir sind heute weiter zurück als vor 1 Jahr. Im Unterhaus ist das auch ausgesprochen worden.
Heize nicht zu sparsam! Sei ganz besonders vorsichtig beim Gehen im Dunkeln und auf Glatteis! immer einen Stock mitnehmen! Hast Du einige Vorräte? Hier <li. Rand> ist tägliche Brotration von 300 auf 200 gr. herabgesetzt. Über den Zuzug von Idas Schwester und Nichte immer noch keine Entscheidung. Alles geht hier recht langsam. Aber die Formen sind freundlich.
<re. Rand> Der Verleger Schmeil = Quelle u. Meyer beginnt jetzt in Heidelberg neu.
<Kopf>
Innigste Wünsche und Grüße, nicht nur von Deinem
Eduard.