Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Dezember 1946 (Tübingen)


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Tübingen, den 3. Dezember 46.
Meine einzige Freundin!
Der gute Matussek ist indirekt schuld daran, daß Du Deinen Brief nicht nur verspätet erhältst, sondern überhaupt nur einen Zwischenbrief oder eine "Vertröstung". 5 Stunden sind eben bei dem jetzigen Semesterbetrieb nicht wieder einzubringen, zumal da mich in 8 Tagen 3 Referenten im Stich gelassen haben. Aber ich will Dir wenigstens danken für alle lieben Gaben: die Taschentücher, Seife, Dibionta, S ....... – alles sehr willkommen. Auch die beiden eingeschriebenen Briefe habe ich erhalten, jedoch noch nicht geöffnet. Mit dem Koffer aus Nürnberg ist endlich auch Dein Bild wohlbehalten heimgekehrt; es steht nun wieder auf dem großen Schreibtisch.
Durch Matussek weiß ich ein wenig mehr von Deiner, leider immer unruhigen Existenz. Ich wünschte sehr, daß Du mit mehr Gelassenheit über die äußeren Dinge hinwegkämst und Dir dadurch mehr Freude an der Existenz ermöglichtest. Wenn man den Tag – ohne zu "wehrhahnen" – etwas einteilt, muß doch das Laufende zu bewältigen sein. Ich weiß natürlich, daß das "Laufen" nach den hier oder dort zu habenden oder nicht zu habenden Dingen die besten Pläne über den Haufen wirft. Aber – wie sagt
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| Pestalozzi?: "Der Mensch muß zur inneren Ruhe gebildet werden." Ich liege oft ein paar Stunden, auch wohl am Tage, um mit den Kräften auszukommen. (Gewicht 120 bei 1,76 Länge.)
Gestern war wieder eine große Anstrengung: außer dem Seminar (wo ich eben auch noch den Referenten ersetzen mußte) von ½ 3–4 am Abend um 8 der Sondervortrag "Erlösende Liebe nach Goethes Schau." Ich wurde durch die äußeren Umstände leider etwas behindert. Das Maximum, das 550 Plätze hat, war von 700 Leuten gefüllt, so daß ich gerade noch aufs Katheder gelangen konnte. Links von mir stand einer so nahe, daß ich meine Arme nicht bewegen konnte und er mir immer in meine Notizen sah. Aber der Vortrag ist einer der schönsten, über die verfüge. Nieschling u. mein alter Klassenkamerad Hillgenberg waren auch da, außerdem die Schauspielerin Antonia Dietrich, deren überwältigende Iphigenie im Theaterstall von Jena ca 1926 ich bis heute noch nicht vergessen habe.
Jedoch meine "Agenda" für heute enthält ca. 12 Nummern; auch im heutigen Seminar fällt der Referent weg. So muß ich abbrechen. Um den Sonntag, wo wir in Bühl Herres silberne Hochzeit mitfeiern, hoffe ich wieder schreiben zu können. Nimm vorlieb und zweifle nicht am täglichen Gedenken, in dem ich Dir verbunden bin. Susanne und Ida grüßen herzlich; ebenso
Dein Eduard.

[re. Rand] Susanne fährt morgen für 3 Tage nach Alpirsbach.