Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Dezember 1946 (Tübingen/Rümelinstr. 12)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

16.12.46.
Meine einzige Freundin!
Am 21.XII enden die Vorlesungen, und dann kommt nominell eine Unterbrechung bis zum 3.II; aber es liegt schon so viel vor, daß die Zeit genug ausgefüllt wäre, auch wenn ich nicht mit den hiesigen Studienreferendar(inn)en eine Arbeitsgemeinschaft zu halten hätte. Die angespannte Tätigkeit, für die meine Kräfte gerade ausreichten, hatte das Gute, daß man über das allgemeine und das kleine private Leiden nicht viel nachdenken konnte. Andrerseits hatte ich mich in Berlin schon an die Altersmeditation gewöhnt, zu der ich hier nicht einen Augenblick komme. Auch dieser Rückzug von tätigen Leben hatte etwas Wohltätiges. Aber wie sagte der König von Sachsen? "..... wenn man äten davon läbt ......."
So war es denn leider auch ganz unmöglich, für Dich zu Weihnachten ein paar weitere Erinnerungen aufzuschreiben. Im Grunde leben sie ja viel schöner in der Seele, als man es herausbringt. Und das ist das Kapital, das nicht beschlagnahmt werden kann. Zum Beispiel: wenn ich die nahe Kette der Alb sehe, denke ich immer daran, wie wir abends, wenn die anderen schon "am Trog" waren,
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| beim Turm in Freudenstadt blieben und in die Ferne blickten. Mir ist, als ob wir damals in der Abendstimmung auch etwas Schmerzliches, Unerlöstes empfanden. Diese unheimatlichen Gefühle haben sich mit dem Alter gemildert. Sehnsucht wird immer mehr zum Glauben und zur Gewißheit.
Susanne hat 2 Nächte in einem ganz ungeheizten Gasthofzimmer in Alpirsbach verbracht, nachdem sie zu Fuß von Loßburg hinabmarschiert war. Aber Freudenstadt ist ja nicht unsere Hauptgegend geblieben. Die Krone war – abgesehen von Heidelberg – doch immer die Reichenau. Und auch Mittenwald verdient einen Preis. Ich sehe die Orte, die wir gemeinsam besucht haben, immer in irgend einer Farbe oder Beleuchtung. Kassel will nicht so ganz hell erscheinen, vermutlich Wirkung des Krieges. Erinnerst Du Dich noch an Hombressen? Von da schrieb mir ein (übrigens ganz unbekannter) Rückkehrer, der noch dazu abgebaut war, und ich konnte ihn etwas trösten, wie Goethe den Plessing, der übrigens auch an Kant immer Anliegen hatte. Berlin liegt vorläufig noch in einer dicken Wolke. Das ist gerade für Weihnachten gut, insofern sich kein illusionäres Heimweh entwickeln kann. Aber etwas bedrückend wird das "Fest" für uns drei hier doch sein, trotz all
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| der wirklich rührend freundlichen Menschen. Man fühlt sich eben "vertrieben." Nicht viel anders wird es Dir ergehen. Denn Dein Zimmer scheint doch "ein unvollkommener Ersatz." Am meisten beunruhigt mich, daß es garnicht warm zu kriegen ist. Du bist doch hoffentlich nicht zu geizig mit dem Holz? Solange es so dunkel ist, muß man es wenigstens warm haben. Hier ist heute der kälteste Tag (morgens -7 R.). Die Glätte auf den unebenen Straßen macht mich etwas ängstlich. Von der Gegend hat man im Winter nicht viel. Am vorletzten Sonntag haben wir alle (Sus, Nieschling und ich) uns bei Herres den Magen überladen. "Ich habe nicht zugeraten." Am 22. möchte ich mit Sus. zum ersten Mal nach Reutlingen fahren, das sie noch nicht kennt. Vielleicht besuchen wir dann auch die alte Frau Geheimrat Kühne, deren Sohn in Toulouse ist. Für den Sommer ist ein Vortrag in Sigmaringen zugesagt. Unser Lenzkircher Sommer mit dem Annex Sigmaringen war – bis auf das Wetter – nicht der schlechteste. Und schön war auch der September 1926 in Hinterzarten. Hingegen Schönwald – brr!
Die T.H. Stuttgart läßt nicht ab, in mich zu dringen wegen der Honorarprofessur. Das schaffe ich aber nicht. Angenehm wäre ja ein Dauerpaß, wegen Heidelberg. Aber das kommt wohl auch so. Wo könnte ich denn "gegebenenfalls" übernachten?
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Der Briefverkehr mit dem Ausland wird stärker: Werner Jaeger, Zollinger, Geheeb, Feilchenfeld, vor allem eine persönlich unbekannte Gönnerin Frau Bird in Washington. Sie schreibt in einem Ton, dessen Offenheit zu erwidern nicht ratsam ist.
Wenke wird von Erlangen weggehen. Aber wohl nicht hierher, weil Fl. größere Chancen hat. Vielleicht keiner von beiden ....... Daß Siegmund-Schultze hier durchgereist ist, habe ich wohl schon erwähnt. Ich habe ihn für Brosius interessiert, der in Marburg passiv verhungert.
Eigentlich sollte das nur ein vorweihnachtlicher Brief sein. Aber er kommt so kurz vor dem 24., daß er doch schon das Weihnachtsgedenken mitnehmen soll. Ein Päckchen, wie es nun einmal aufzutreiben ist, befindet sich bereits unterwegs. Kommt es nicht rechtzeitig, so ist experimentell erwiesen, daß Heidelberg an der Verzögerung schuld ist. Lieber hätte ich Dir Korrekturbogen von der "Magie der Seele" mitgeschickt. Jedoch ist kein Exemplar im gegenwärtigen Stadium entbehrlich. Es hat sich folgendes ereignet: Nr. I. darin ist die Wf., wie Du Dich erinnerst. Im Osten hat man, ohne mich zu fragen, ein paar Sätze weggelassen, und es ging durch. Bei Seitz aber wurde der ganze Teil "refüsiert", so daß nur 2 erscheinen. Nur die dreiteilige Ausgabe ist ein Ganzes. Hoffentlich ein wirksames. Eine ganz kleine Miniatur, die ich als Weihnachtsgabe haben wollte, ist erst heute aus Seitzstadt zurückgekommen. Nun ist es zu spät. Also: wir werden am 24.XII. Punkt 20 Uhr <li. Rand> aneinander denken, sonst aber mit gefaßtem Herzen die Vergangenheit, soweit sie tragisch war, schweigen, was aber schön war, in seinem ganzen Glanze leuchten lassen. Habe immer aufs <Kopf> neue Dank! Susanne und Ida gedenken Deiner warm. Bleibe gesund, feire mit guten Leuten und fühle die Nähe Deines <re. Rand> getreuen Eduard.
[li. Rand S. 1] Aus Bad Kleinen keine Antwort. Der Unbekannte ad Weitsch ist wirklich unbekannt.