Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Dezember 1946 (Tübingen/Rümelinstr. 12)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

27.12.46.
Meine einzige Freundin!
Es sind nur noch wenige Tage, bis Dein lieber Kalender zu gelten anfängt. Das Bild kann nur in der Richtung auf Horn aufgenommen sein. Aber von wem? Vielleicht damals, als auch Günthers auf der Reichenau waren? Die Seite Allensbach kann es nicht sein. Jedenfalls liebste Erinnerungen, in die nun die Nachricht von Hannelores Verlobung hineinklingt. Während ich diese Gabe dankbar empfange, betrachte ich die Butter mit einigen Mißtrauen. Denn irgendwer muß sie sich abgespart haben, und wenn, so hätte sie Dir zugute kommen sollen. Also: "Dafür sage ich nicht danke."
Ehe auf Deinen lieben Brief vom 15./7. Dezember eingehe, einige Tagesnachrichten. Von einer unbekannten Gönnerin, Mrs. Bird in Washington, die uns nach Dahlem ein Care-Paket gesandt hatte, kam jetzt ein sehr warmherziger Brief. Sie hat einmal in Bonn Vorlesungen gehört, und schreibt von dieser Zeit "Durch ein Frl. Hadlich wußte ich, daß
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| Sie in Berlin lebten." Kann das die Ila gewesen sein?
Am 23.XII. waren 6 Besuche da: [über der Zeile] der "Nebenmann" Krüger, ein netter anhänglicher Student aus Eßlingen, Prof. Genzmer (jetzt meistens in Heidelberg), gleichzeitig Georg Weise, dann ein soeben aus Metz entlassener Kriegsgefangener Dr. Friese aus Berlin, der nach Ravensburg weiterstrebte, und Verleger Dr. Port, der indirekte Nachfolger von Cotta und Neffe Deines Zahn-Port. Georg Weises Bruder war Oberregierungsrat in Potsdam und teilt seit langem das ungewisse Schicksal von Hans Honig. Unser Hauswirt ist der Pfarrer Schütz von der neben uns liegenden Kirche der Evangel. Gemeinschaft. Früher war er in Heidelberg. Wir nahmen vor Weihnachten in seiner Kirche an einer Weihnachtsfeier für die Kinder mit Krippenspiel teil am 1.Feiertag an seinem Gottesdienst teil. Den Heiligen Abend feierten wir 3 allein an einem recht mageren Weihnachtsbaum. Allerhand Zuwendungen (ich habe jetzt auch die doppelte Lebensmittelkarte) hatten uns erlaubt, zu backen und Besuch einzuladen, wovon sogleich. Am 1. Feiertag wich die strenge Kälte. Wir waren zu Mittag in "Schloß" Bühl bei Herres zum Essen und gingen im Dunkeln die Landstraße nach Tübingen zurück: 1½ Stunden ; das ist das Maximum, das ich jetzt leisten kann. Am 2. Feiertag
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| stiegen wir den schon recht glatten Weg zur Waldhäuser Höhe hinan, um Oe.s zu besuchen. Sie redet alleine, er stumpft und die arme Cilli versucht vergeblich, auch etwas zu sagen. Aber es herrscht doch Frieden. Nachm. waren Dr. Amann und Frau bei uns; er hat uns im Anfang rührend geholfen, ist so etwas wie Personalchef beim hiesigen "Staatsrat", früher auch ein Hörer von mir. Na Heute (3. Feiertag) besuchen wir den griechischen Theologen Siotis, früheren Assistenten von Louvaris, von dem pünktlich ein Brief eingetroffen war. Er ist doch noch Gefangener, und Alfred L. ist von Banden verschleppt. Soeben hatten wir 2 sehr anregende Stunden mit dem Ehepaar Schütz, die sehr freundliche Nachbarn sind, wie alle im Hause, besonders auch die gütige "Schwester Rosa."
In den Zwischenzeiten habe ich nur geschrieben, geschrieben. Du kennst ja dieses Begleitphänomen aller Weihnachts- und Neujahrstage bei mir.
An Dich habe ich wegen der schweren Kälte eigentlich nur mit Sorge denken können. Bei 10–11°R. kann man kaum schreiben, geschweige zu irgend einer Lebensfreude kommen. (Uns half eine Sonderzuteilung von 4 Ctr. Koks.) Die Kühle der Mitbewohner beunruhigt mich ebenfalls. Wie schön war es, wenn in der Rohrbacherstr. 24 der dicke Ofen bullerte und wir unsre interessanten Unternehmungen machten. Plötzlich sind wir nun beide schwer beweglich geworden. Bei dem Glatteis hier komme ich schon garnicht vorwärts.
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Über die Anthroposophie und die damit nicht ganz identische Christengemeinschaft habe ich noch kein klares Urteil. Es ist viel Verwandtes mit unsrem Standpunkt. Da, viel Verwandtes auch mit Hegel. Aber die Leute wissen anscheinend doch mehr vom Jenseits als ich wissen kann. Jeder Versuch aber, mich mit der Kirche als solcher zu befreunden, mißglückt mir immer wieder.
Bisher sind nur wenige Weihnachtsbriefe eingetroffen: ein sehr lieber langer v. Frl. Dorer und einer Käte Silber, von dem Du auch Deinen Anteil erhältst.
Wie soll ich Dich nun zum Neuen Jahr begrüßen? Am besten wohl auch meinerseits mit AEI. Da das Gefühl immer gleich ist, findet sich auch kein neues Wort. Und der Worte bedarf es ja kaum. Erweise mir die Liebe, dem rauhen Winter mit möglichster Vorsicht und Selbstpflege zu begegnen. Schone keine Sonderausgabe, die dazu nötig sein könnte. Ich bin jetzt wieder "potent."
Die Arbeitsfülle für die nächste Zeit ist recht drückend. Mein "Nebenmann" zieht es vor, bis zum Wiederbeginn der Vorlesungen mit der ganzen Familie nach Buchau am Federsee zu gehen, wo auch Georg Weise so lange sein wird.
Habe Nachsicht, wenn Du diesem Brief anmerken solltest, daß ich etwas "ausgeschrieben" bin. Es ist lästig, Centrum zu sein, wenn es auch einschließt, daß man viele Freunde hat, solange man – <li. Rand> floriert. Susanne, und die – immer frieren müssende Ida grüßen herzlichst zu Neujahr, besonders aber Dein getreuester Eduard.
[re. Rand] Ich habe jetzt ca 35 Zigarren u. reichlich Pfeifentabak.
[Kopf] Felicitas hat – wider Gewohnheit, – allerhand Eßbares und eine lange Pfeife geschickt.