Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. Januar 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Januar 1946.

Letzer Brief zu Sylvester war wohl No 3.?
Also 4.
erhalten von Dir No 5. 6. 7.
Mein geliebter Freund!
Du bist also mit der Zahl sehr voraus, ich aber vergesse immer, was mein letztes Schreiben für eine hatte. Heute also kam zu meiner großen Freude Deine No 7 vom 25.XII. – Es ist so störend, daß immer alles so weit zurückliegt, bis man eine Antwort bekommt. Und nicht einmal schreiben kann man, wenn man möchte! Vorgestern kamen die Schwestern Wille (Gunzert u. Rothart), gestern Maria Dorer und heute Matussek. Und ich wollte Dir doch gern recht viel sagen! Auch für das Manuskript wollte ich Dir danken, daß Du mich daran teilnehmen läßt und bedaure nur, daß ich nicht den Anfang auch zu sehen bekam. Die Art wie Du unser Zusammenfinden schilderst, gefällt mir sehr. Im Einzelnen ist meine Erinnerung anders und ich möchte wohl von mir aus für Dich das seltsame Geschehen schildern. Es wäre mir eine Freude und eine belebende Aufgabe, wenn ich dazu käme. Aber Du weißt ja, wie viel Zeit der Haushaltskram in Anspruch nimmt, und jetzt meldet sich daneben auch die Augenklinik.
– Es geht mir aber entschieden jetzt wieder besser, und so hoffe ich, wird auch die Leistung wieder wachsen. Ich war heut bei Frl. Dr. Clauß und sie war sehr zufrieden, "hätte nicht gedacht, daß es wieder so gut werden würde". Ich habe Blutdruck 130, und habe 2 kg zugenommen. Ich habe aber
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| auch im Gedanken an Dich das Menschenmögliche getan, habe ein sündhaftes Geld für künstliche Vitamine und Tonika ausgegeben, und nähre mich tüchtig mit Hafergrütze in Milch. Das alles wäre mir aber viel lieber, wenn ich es Dir zuwenden könnte. Denn ich bin überzeugt, Du entbehrst viel. Das Einzige wobei es auch hier knapp zugeht, ist Fett und Zucker.
· Wie seltsam ist es, sich so mit den Augen eines fremden Menschen zu sehen. Von den äußeren Dingen weiß ich naturgemäß weniger, denn sie waren für mich das Gewohnte. Und der junge Mann, der da kam, war mir durch Hermann schon kurz und treffend charakterisiert. Aber alle Einzelheiten sonst habe ich gut behalten. – Wie kamst Du eigentlich auf den Gedanken nach Heidelberg zu reisen?
Jetzt nun steht wieder ein entscheidender Entschluß bevor und ich vermute und wünsche auch eigentlich aus manchen Gründen, da es nicht in hiesiger Nähe sein kann, es möchte die Stadt der 3 cks sein! Dort wären doch Freunde und die ganze Umgebung angemessen. – (auch gesünder)
Hier spielt nun J. die erste Violine und wird auch am Freitag für’s allgemeine Publikum einen Vortrag halten. Wenns irgend geht, will ich ihn hören. –
Ich freue mich, daß der Freund, der Dir in den schweren Tagen in Moabit solche Hilfe war, jetzt
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| erreichbar ist. Denn der vertiefte Verkehr mit wertvollen Menschen ist doch das Einzige was an irdischem Besitz nicht genommen werden kann. – Entsetzt bin ich über die Liste derer, die nicht entlassen wurden. Auch jetzt hört man immer wieder von hochstehenden Leuten, die wie Hans Honig daran sind. (Ist dies eigentlich der Schwager oder Neffe von Susanne?) Ebenso ist der Bekannte von Dir aus Johannesmühle daran. Warum dies alles?
Gleichzeitig mit Deinem Brief kam heute eine Karte meiner Schwester vom 19.3.45. Wo mag die gesteckt haben? Und was haben die Armen inzwischen alles erlebt. Die letzte Nachricht sagte, daß Carl wieder Privatpraxis aufmachen würde. Hoffentlich bleibt es dabei! Hier ist da viel Hindernis. – Eine Karte kam von Heinrich Eggert, die seit März als Flüchtlinge in der Heide leben, er als Dorfarzt, die jüngste Tochter als Magd bei Bauern. Hans Hadlich schrieb einen Brief, daß es ihm nach einer Blasenoperation wieder ganz gut gehe, und Georg Malcus, dem die seit 24 Jahren hilflos im Bett liegende Frau gestorben ist, schreibt, daß seine Töchter noch ihren Mann haben, der eine ist in seinem Beruf geblieben als Forstmeister, der andere v. Schlotheim, mußte mit Frau und Kindern aus Schlesien fliehen und machte in Hofgeismar
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| Feldarbeit, hofft wieder als Jurist zu arbeiten, wenn auch nicht als Regierungsrat. –  –
Der junge Gunzert, der Dich mal besuchte, sitzt hier immer noch bei den Eltern und doktert an seiner Dr.- Arbeit. Sehr zur Mißbilligung seiner Mutter, die meint, er solle sich mal etwas praktisch betätigen.
Das Mißgeschick von Rauhuts betrübt mich recht. Ich erlebe hier ähnliches, fortgesetztes Vertriebenwerden bei Herancourts. Das Schicksal verfolgt manche Leute förmlich. –
Heut ist es nun schon recht spät und ich muß morgen zum Zeichnen. Drum will ich aufhören und Dir bald wieder schreiben. Wichtiges habe ich ja nicht zu melden. Und von dem Unausgesprochenen weißt Du ja ohne Worte, wie Du vermutlich jetzt endlich den Brief vom Weihnachtsabend hast, der Dir zeigte, daß ich mit all meinen Gedanken bei Dir war. Wann wäre ich das nicht?! Könnte ich es nur leichteren Herzens sein! So ist es halt mein einziger Wunsch, daß sich die Situation bald klären und lichten möge. Der kleine Taschenkalenderx [li. Rand] x abgeschickt gleichzeitig mit No. 3., der vorläufig einen Wandkalender ersetzen soll, bringt Dir für jeden neuen Tag diesen innigen Wunsch. – Grüße Susanne und Ida, die hoffentlich nicht so frieren, da sie nicht wie Du bei der Arbeit stillsitzen müssen. Möchten Dir meine Grüße all die Wärme bringen, die in meinem Herzen für Dich ist!
Deine Käthe.

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am 8. Januar früh.
Ich mußte doch den Brief noch einmal aufmachen, weil ich eigentlich von dem garnichts geschrieben habe, was mich unausgesetzt beschäftigt. Es sind so viele Gedankenbriefe an Dich abgegangen, daß ich garnicht weiß: habe ich das wirklich schon geschrieben oder nicht? Wenn nur meine Finger im Moment nicht so verklammt wären, wie mein Kopf! Es ist noch ungeheizt bei mir, da es nicht lohnt weil ich ja in die Klinik muß. Sagen wollte ich Dir noch, daß Du wegen des Geldes keine Sorge haben sollst, ich bin ja versorgt durch all Deine früheren Sendungen, habe auf einer Sparkasse 1000, auf der andern 3000 und auf der Bank 3–400, alles erreichbar, für den täglichen Bedarf. – Auch die Altersrente zahlt hin und wieder. Man soll auch nicht so viel im Haus haben. Daß ich so sehr für die Bergstraße eingenommen war, hatte vielleicht den egoistischen Grund, Dich in die Nähe zu bekommen. Aber auch die ganze Situation wäre so schön, wenn die Gegengründe zu überwinden wären. Was die
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| Grundlagen der Anstalt betrifft, so sind sie noch gar nicht definitiv, und M. D. hat bereits darüber mit dem Referenten? gesprochen. Sie hoffte dabei auf Deinen maßgeblichen Einfluß, der die ganze Sache in Deinem Sinne gestalten würde.x [re. Rand] x auch in Bezug auf die Ausbildungszeit. All dies malte ich mir als einen dankbaren Wirkungskreis in Deinem Geiste – von 1903! – aus. Es war wohl ein Traum! oder ist die Sache noch nicht definitiv abgelehnt? Matussek hatte auch einen Brief von Dir und erzählte, daß Du von allerlei Plänen geschrieben hättest, die noch alle technische Schwierigkeiten hätten. Ich habe ihm natürlich nichts gesagt, denn ich halte ihn eigentlich nicht für einen geschickten Vermittler. Vielleicht täusche ich mich, aber er redet mir etwas viel drauf los.
Die Tage werden jetzt fühlbar länger, man kann doch morgens wieder ohne Licht aufstehen. Aber die neue Kältewelle bekümmert mich um Deinetwillen. Ob nun doch vielleicht die Centralheizung in Gang kommt? Die Aussicht auf die Verwendung oben wäre wirklich ganz zeitgemäß auch nach den hiesigen Beobachtungen.
Doch nun muß ich fort. Darum für heut ade – ade! Wie immer
Deine Käthe

[li. Rand S. 1] Es fehlt keiner Deiner Briefe. Ich habe auch immer pünktlich den Empfang bestätigt "mein Lieber" –!