Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. Januar 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Januar 46.

No 5.
erhalten
No 6 (Ms) 7 u. 8
Mein lieber, einziger Freund!
Wie froh bin ich, daß jetzt wieder die Post regelmäßig zu befördern scheint und – daß Du ihr so viel für mich mitgibst! Habe Dank auch für diese neueste Sendung! Ich kannte diesen Aufsatz nicht, denn der Vorstand war ja schon tot, als er erschien, durch den mir die Jahreshefte immer zugänglich waren. Könnte nicht ich stattdessen Mitglied werden? Es ist fein, wie in dem Wandel der Phantasieauffassung die Gesamteinstellung des Lebensalters zum Ausdruck kommt. Du hast das wundervoll klar heraus gehoben. – Es beschäftigt mich dies und Deine Lebenserinnerung lebhaft. Wie sonderbar ist doch die Art, wie wir uns gegenseitig helfen konnten und wie seltsam ist es, daß ich, von der Kunst kommend, erst durch Dich das Sehen für den organischen Aufbau, das Wachsen von innen heraus, aus einem großen Zusammenhang, kennen lernte. Das ist mir für das geschichtliche und kulturelle Leben erst bei Deinem Altenstein-Aufsatz aufgegangen. Wie wie froh bin ich, einmal wieder eine solche Anregung von Dir erhalten zu haben, denn Du ahnst doch nicht wie armselig ich seit langem existiere. Daran ist wohl manches Äußere schuldig, aber auch meine große Müdigkeit. Mein letzter Brief aber sagte Dir, daß Frl. Dr. Clauß mit meiner Ge
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|sundheitsverfassung zufrieden war, und wenn ich auch subjektiv noch nicht ganz beistimmen kann, so hat es mich doch angeregt, mich nicht etwa mit eingebildeten Dingen zu belasten. Ich war wohl auf dem Wege eine "malade imaginaire" zu werden. Und darum bitte ich Dich auch: mach Dir keine Sorge: "Unkraut vergeht nicht!" Und Unkraut bin ich doch, so unnütz wie ich jetzt dahinlebe. – Da ist es wirklich eine Befriedigung, daß ich wieder etwas Arbeit in der Klinik habe, wenn auch nicht viel. Die Wege sind dafür nicht das Unangenehme, aber die Fahrt mit der Elektrischen, die mehr als überfüllt ist. Das Einsteigen am Bahnhof in dem Gedränge ist bei der Roheit mancher Volksgenossen manchmal fast lebensgefährlich. – Daß ich noch beruflich fähig bin, hat auch seinen Wert für die Erhaltung meiner kleinen Wohnung, denn man versucht immer wieder, mich heraus zu drängeln, um sie mit der Kammer von Dürre's zusammen als Familienwohnung zu verwenden. Ihr habt solchen Verlust des Heims schon lange zu ertragen, aber es hat ja keinen Nutzen für Euch, wenn es mich trifft, und so wehre ich mich dagegen, solange ich kann. – – Ich bin die Einzige meiner nächsten Familie, die noch ein Dach über sich hat. Auch Heinrich Eggert lebt mit Frau und der jüngsten Tochter als Flüchtling in der Lüneburger Heide. Aber Malcus' und Hans Hadlich haben ihre Wohnung noch; Walter zeitlebens als "möblierter Herr".
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| Die vier Töchter von Hermann haben alle ein Unterkommen und Arbeit, die Jüngste als Pfarrfrau sogar eine kleine Wohnung. Und über Dieter bin ich besonders froh. Aber die Witwe von Günther mit ihrem Kind macht mir große Sorge, und nicht weniger die beiden Rugetöchter auf Rügen, die im Dezember noch nichts von den Männern wußten. Und wenn sie heimkommen, als Nazi und Soldaten – was dann? Aber nicht die Nazi allein haben es jetzt schwer, man darf auch nicht zu "deutsch" sein. Heute mit den Schwestern Mathy war lebhafte Verhandlung darüber im Anschluß an die Aussicht auf die Wahlen. Was ist da das Rechte? Wir sind bürgerlich, sind der mißachtete Mittelstand, der schon seit 1918 unterdrückt wird. Aber bei der Wahl zwischen Demokraten und Christlich Socialen fällt schließlich der Entscheid für die Socialdemokraten!! Was magst Du für Eindrücke auf der Pestalozzireise gehabt haben? Gingen die Fahrten glatt und ohne Zwischenfall? Hattest Du ein dankbares Publikum? Hätte ich doch dabei sein können! Du hast doch keine Ahnung, wie sehr ich Mangel leide in meiner Einsamkeit.
Am vorigen Freitag war ich bei dem Vortrag von Jaspers, der eine Serie von Vorträgen für die Öffentlichkeit anfing, die jeden Freitag stattfinden sollen, Vorträge aus allen Fakultäten, um die Studenten
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| mit anderen Disziplinen in Berührung zu bringen, und dem Publikum die Lehrer der Universität bekannt zu machen. Es war in der alten Aula, wo ich noch Kuno Fischer hörte, ein seltsamer Rückblick! Die Rede war gut und der Mann nicht unsympathisch. Ich glaube, mit ihm könnte man sich vertragen. Wen er neben vielen altbewährten Größen zur Beschäftigung mehrmals empfahl waren Nietzsche, Marx und Kierkegaard, auch Ranske, aber abgelehnt (ohne Namensnennung) Treitschke. Alles war sehr klar und eben, gut zu verstehen und zu behalten. Vielleicht auch eine Form dessen, was Du die hiesige Trockenheit nennst. Ich dagegen bekam von Elsbeth Wille-Gunzert eine Flasche Weißwein, die ich bereits ausgetrunken habe!! Schade, daß sie nicht zu schicken war, dann hätte sie mich noch mehr gefreut. Aber froh bin ich, daß Ihr seit Weihnachten endlich Zentralheizung habt. Auch bei mir brennt der Ofen gut, nur ist das Heizen eine rechte Schmutzerei und ständige Aufgabe. –
Ich wünsche von Herzen, daß Du eine ebenso große und dankbare Zuhörerschaft hattest, wie ich sie in der alten Aula sah, und daß es einmal wieder den Druck des ungelebten Lebens von Dir nahm und Deine Kräfte hob. Ich grüße Dich innig und bitte auch Susanne und Ida Grüße zu sagen.
Wie immer
Deine
Käthe.

[li. Rand] Hast Du den kleinen Taschenkalender bekommen? Eine vorläufige Aushilfe!
[li. Rand S. 1] 15.I. früh. Leider wird die Post hier aus Rohrbach erst morgen früh um 7 Uhr abgeholt und ich komme heute nicht in die Stadt!