Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./21. Januar 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Januar 1946

No 5.
erhalten: 5, 6. 7
und 8 mit Goetheheft.
Mein geliebter Freund!
Die Zeit verrinnt mir nutzlos unter den Händen, aber wenigstens versuchen will ich doch heute noch, Dir ein wenig zu schreiben. Du kannst Dir denken, mit welcher Spannung ich Deinen Bericht über die bevorstehende Reise erwarte. Ich habe mir ja längst klargemacht, daß vermutlich das Projekt an der Bergstraße nicht angemessen für Dich wäre, so lohnend mir gerade der Neubau im eignen Sinne geschienen hätte. Denn das sollte es doch werden. Aber was nun auch schließlich das Resultat der verschiedenen Pläne sein wird, mein Wunsch ist nur, daß es zu Deinem Besten geschehen möge. – Hier ist der Betrieb nun wirklich auf allen Schulstraßen in Gang, aber manche Fächer fallen eben aus aus Mangel an Lehrkräften. Bei den hiesigen Dozenten ist der Ausfall durch Entlassungen etwa 50°. Auch Dr. Cibis ist dabei, für den ich gerade wieder zeichnen sollte. Stattdessen gab es einen Auftrag vom Professor Engelking, womit ich noch beschäftigt bin; es ist ein Aquarell nach einem erkrankten Auge. – Gesundheitlich geht es mir nun wirklich viel besser, nur bin ich noch immer so sehr müde. Morgens denke ich: jetzt
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| bin ich wieder normal; aber nach 1–2 Stunden könnte ich gerade wieder einschlafen. Dabei habe ich doch eigentlich keine Anstrengungen: Schlafen, Einkaufen, Essen, Schlafen, Heizen, Flicken –  –  – und wozu?! Ich möchte viele liebe Briefe beantworten, die ich bekam, ich möchte Dir die längsten Episteln schreiben über alles Mögliche – aber es kommt nicht dazu.
Gestern waren die Brüder Matussek zum Abendbrot bei mir. Der jüngere studiert jetzt auch hier und sie sind beide bei Jaspers im Seminar. Der ältere ist nicht sehr befriedigt und stellt immer Vergleiche an mit Berlin. Es freute mich, daß er verlangte, die Einführung in die Fichtereden noch einmal zu lesen. Meine Eindrücke bei der Rede über den "lebendigen Geist" schienen ihm ganz zutreffend. – Jetzt habe ich durch Frl. Heraucourt die "Wandlung" abonniert, die recht gut sein soll. Jedenfalls gibt sich solche Zeitschrift zunächst beonders große Mühe.
Vom Delekat sehe ich natürlich weiter nichts. Es ist ja auch garnicht möglich, fremde Leute in meiner Küche, dem einzigen warmen Raum zu empfangen. Und sonst ist auch keine Gelegenheit, ihm zu begegnen.
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Die Patienten im Freundeskreis machen noch langsamere Fortschritte in der Besserung als ich. Der alte Herr v. Schoepffer ist noch immer im Krankenhaus. Und Frl. Drechsler erschreckt öfters durch neue Symptome ihres Nierenleidens. Trotzdem hat sie mir jetzt endlich das Winterkleid hergerichtet, das ich so nötig gebrauchte. Vom Bruder ist noch immer nichts zu sehen. Auch Otto Kohler und Buttini bleiben noch aus: Die Frau B. hat jetzt eine Stelle als Lehrerin in Kirchheim, täglich 2 Stunden. Der Mann als Pg. würde vermutlich entlassen! –
Du hast Dich vielleicht etwas gewundert, daß ich immer wieder auf das kleine Buch über Thomas Morus zurückkam. Aber ganz abgesehen davon, daß Du mir gerade als ich so beschäftigt damit war, sein Bild schicktest, ist es eben doch gerade auch in der Linie dessen, was wir innerlich erleben. Es ist recht eigentlich wohl ein Bewußtwerden jener "Bänder zum Metaphysischen", ein tief religiöser Sinn, der weiterzeugend in dem Büchlein lebt. Und den brauchen wir doch heute mehr denn je. Immer wieder ringen wir um jene Kraft, die mehr ist
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| als das Leben, durch alle Enttäuschungen und Schmerzen hindurch, jene Kraft, die uns Ruhe gibt und Seelenfrieden. Sie ist Gabe und Gnade, und doch nicht kampflos zu erlangen. Es hilft uns aber, wenn wir in diesem Leben Weggenossen haben. Und wie fein ist diese kleine Novelle! Erst das glückliche Leben in einem geistig hochstehenden Familienkreis, dann die Bewährung der seelischen Kraft in tiefer Not. Es braucht ja nicht in allem buchstäblich eine Parallele zu sein, und doch das gleiche Erleben. Daß Susanne es damals zurückhielt, sah ich vollkommen ein und [über der Zeile] es war sehr richtig, aber mir war es wie ein Geschenk des Himmels . –  –

21.I. Gestern wurde es zu spät und nun kam heute Dein lieber Brief No 9. Habe vielen innigen Dank! Auch Du erwähnst das kleine Buch; aber ich möchte nicht, daß Susanne sich so damit plagt. Es wird schon bei Gelegenheit zum Vorschein kommen. – Also war noch keine sichere Reisemöglichkeit, und ich warte doch schon so brennend auf das Resultat! Könnte ich nicht Schreibhilfe bei Dir werden? – Für heute lebewohl! Grüße Susanne und Ida, und sei selbst des ständigen, liebevollen Gedenkens gewiß
Deiner Käthe.