Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3./4. Februar 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Febr. 1946. Sonntag abend.

No. 8.
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No 10 vom 19.I.

[re. Ecke von fremder Hand] 18.II.
Mein geliebter Freund!
Wenigstens einen Anfang will ich heute noch machen, das auch zu schreiben, was mich unausgesetzt beschäftigt. Es war mir um Deinetwillen recht schmerzlich, daß Du nicht nach Hamburg kamst und daß noch immer keine Entscheidung möglich war. Ich hatte den Brief mit der sicheren Erwartung einer solchen geöffnet! Hoffentlich bist Du die üble Grippe inzwischen los geworden und hast auch schriftlich die Klarheit erlangen können, die jetzt nottut. – Hat man denn nicht wenigstens Deine Rede in H. lesen lassen? Es wäre freilich nur eine halbe Sache, aber doch besser als gar nichts.
Was Du schreibst über das "willige, leidende Objekt der Vorsehung", das gewinnt ganz sicher immer mehr Gewalt über uns. Ich frage mich oft, ob es ein Fortschritt ist, oder ein Mattwerden? Aber es ist kein absolutes Leiden, es will doch immer wieder dem widerstrebenden Ich abgerungen sein.
Ganz erschüttert war ich – und bin ich noch – von der gehäuften Zusammenstellung der Opfer vom Herbst 1944. Wenn ich auch teils aus Deinen Briefen, teils sonst das Meiste schon wußte, so war es doch in dieser gedrängten Darstellung ganz überwältigend. Damals war es nur die Elite, was getroffen wurde, jetzt trifft es wahllos nach Schema N.S. – Ach, Du brauchst mir nicht zu versichern, in welcher Gefahr Du damals schwebtest! Ich erlebte sie mit, umso angstvoller, als ich sie nicht einmal aussprechen konnte. Und gerade deshalb gab mir die Vorsehung das bewußte kleine Buch. Aber für mich ist leider die schwere Sorge noch immer nicht vorbei, solange sich Deine Schicksalsfrage nicht gelöst hat.
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| Sind wir bestimmt, immer nur zu kämpfen und zu entsagen? Gibt es für all die frühen Hoffnungen keine Erfüllung? Welch ein Reichtum liegt noch ungenutzt in Dir! Es wird und muß ein Weg gefunden werden, ihn zur Entfaltung zu bringen, und das gereifte Resultat des Lebens weiter zu geben!

4.II. Draußen toben schon die Äquinoctialstürme und der Regen peitscht gegen die Läden. In der Klinik ging meine Arbeit heut wieder besser. Dr. Cibis war kurz dort; er ist noch deprimiert und ohne Aussichten. Dabei denke ich natürlich mit Sorge an Ruges. Wieder führte mich heute ein Brief meiner Schwester irre. Ich hoffe, er sei neu, aber er war vom 28.III.! Ging nicht damals auch der große Brief von Dir verloren? Vielleicht kommt auch er noch. – Wenn Du noch an Kälte leidest, versuche es doch, wie ich es jetzt mache: mit Pulswärmern. Das wärmt merkwürdig den ganzen Menschen. Im ganzen ist aber jetzt die Temperatur sehr erträglich.
Hoffentlich bist Du gesundheitlich so wiederhergestellt wie ich. Mir scheint, als wäre die eigentliche Krankheit ganz überwunden, und nur eine gewisse Schwäche noch geblieben. Das sind halt die Jahre! –
Immer schon wollte ich Dir schreiben, daß mir Frl. Heraucourt zu Weihnachten von Isolde Kurz: Wandertage in Hellas schenkte. Das habe ich mit Freude gelesen, aber recht bedauert, daß Du vieles davon nicht sehen konntest, wie Du überhaupt immer zuviel Preußisches Pflichtgefühl und zu wenig leichten Sinn hattest – auch in Japan! Wie machte es da Kersek!!
Nun will ich noch auf die Post gehen, damit ich den Brief um 7 Uhr früh fortkommt. Das ist die einzige Abholung. Mit all meinen Wünschen und Gedanken bin ich bei Dir und sende Euch viele Grüße, die Du sinngemäß verteilen wirst. – Wie geht es Frl. Rauhut? –
<li. Rand>
Auf baldige gute Nachricht hofft Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Am 2.II. wäre der Vorstand 90 Jahre geworden!

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<aufgeklebte Feder, darunter der Satz:>
"Wir heißen Euch hoffen!"