Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10./11. Februar 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Februar 1946

No 9.
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No 10. (19.I.)
Mein einziger geliebter Freund!
Der besinnliche Sonntagsabend soll wieder Dir gehören und Dir von meinem stillen Leben Nachricht geben. Mittags war ich bei Herancourts, die ich dann in 2 Wochen (am 24.) bei mir zu haben hoffe. Das ist so eine nette Einrichtung, bei der keiner zu kurz kommt und keiner sich zu sehr verpflichtet fühlt. – Später, als ich gerade die unvermeidliche Mittagsruhe antreten wollte, kam Matussek, der mir leider in letzter Zeit keinen recht gesunden Eindruck macht. Er habe eine kleine Grippe mit Fieber gehabt, habe auch etwas zu stramm gearbeitet, dabei viel auf der Wohnungssuche gewesen, denn leider ist ihnen das recht günstige Zimmer gekündigt worden. Er plant, anfangs März Berlin aufzusuchen, aber eigentlich nur, wenn er Dich dann dort antrifft. Das wird er Dir wohl selbst mitgeteilt haben. – Seine Arbeitserfolge hier scheinen befriedigend. –
Auch ich bin wieder arbeitstüchtig und freue mich, daß es gelingt. Denn – ehrlich gestanden – sind meine Augen doch für die feine Beobachtung kaum ausreichend, und es ist ein Glück, daß Oberarzt Dr. Schreck sehr geduldig und ein guter Lehrer ist. So kommen wir gut mit einander aus, und die Sache gedeiht.
Mit Ungeduld erwarte ich natürlich eine gute
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| Nachricht von Dir, denn die gegenwärtige Situation lastet auch auf mir schwer. Möchte doch inzwischen eine günstige Lösung gefunden sein.
Es ist eine seltsame, unheimliche Zeit, in der nicht nur die äußeren Lebensbedingungen, sondern auch alle Werte der Vergangenheit in Frage gezogen werden. Man verurteilt nicht nur Fehler, man verurteilt in Bausch und Bogen. Hat sich denn das alles tot gelaufen? Ist gar nichts gut gewesen am schlichten, pflichttreuen Preußentum? Ich jedenfalls bin stolz darauf und weiß mich darin eins mit Dir. – Wie überhaupt!! –
Ist die Grippe ohne weiteren Schaden vorüber gegangen? Schaden genug war die vereitelte Reise! Ich wüßte so gern, ob Du dort etwas von den Stärkungsmitteln bekommst? Ein Brief an Susanne zum 19. ist unterwegs und darin frage ich auch danach. Hoffentlich kommt er so früh an, daß ich vielleicht zum 25. eine Antwort habe.
Mit den Freunden hier ist allerseits wieder ein recht gutes Einvernehmen. Oft ist mirs nur nicht recht, daß ich mit allerlei verwöhnt werde, was ich gar nicht so erwidern kann. Aber freuen tut man sich doch, denn man ist so empfänglich für etwas über die Ration. Ich bin begierig, ob mein Krankenzusatz noch einmal verlängert wird, denn richtig krank bin ich nicht mehr.
Herr v. Schoepffer ist am Freitag wieder nach Haus gekommen, muß aber noch liegen. Die Frau hatte tags zuvor wieder einen schweren Herzanfall, bei dem die Ärztin sich stundenlang um sie bemühte. Wie geht es denn Frl. Rauhut? Hat sie die Krisis überwunden?
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Von Dr. Drechsler ist jetzt direkte Nachricht gekommen, aber von Otto Kohler noch immer nicht. Auch über die Männer der beiden Rugeschen Töchter hörte ich noch nichts und das würde mir doch meine Schwester sicher gleich schreiben, wenn da eine Nachricht käme. – Also in Potsdam ist es der Vater, den man vergeblich erwartet! – Hatte ich denn an Dich niemals geschrieben, daß Hermann und Hete in Dänemark sind? Man schreibt und erzählt so oft dasselbe, daß man sich oft wiederholt und anderes wieder ausläßt. Ob der Studienrat Wilh. Schäfer an Herrmann's Schule war? Er hat auch in Marburg bei Ila angefragt, dachte erst bei dem Schild "Dr. H." an der Tür, Hermann da zu treffen.
Von Delekat habe ich natürlich nichts gehört; wenn Matussek mal wieder kommt und nicht so in Eile ist, will ich ihm davon sprechen. Von dem "Empfang" des Demok. Kulturbunds stand in der Zeitung. Jedermann sagt hier: alles dasselbe, nur mit anderen Vorzeichen. Und dabei ist es ja bis jetzt noch gnädig bei uns. Am besten in dem Gebiet der 3 ck's; von denen der eine gestorben ist. Ich dachte garnicht, daß er schon so alt war!
Die "Wahrsagersche" schrieb mir und erwähnte auch eine Verwandte, für die ich mich bei Dir verwenden sollte Marianne Reil. Aber ich habe geantwortet, daß da jetzt nicht der Moment ist. Das Mädchen hat viel Schweres durchgemacht, der Vater erschoß sich als die R aufs Gut
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| kamen, ein Bruder fiel, der andre war verschollen etc. Sie lebt mit der Mutter jetzt in Potsdam. – Aber wenn Du eine Schreibhilfe brauchst, denke lieber an mich! Dazu reichen die Augen immer noch, ob auch der Kopf?? –
Wenn ich in dieser Woche mit der Arbeit in der Augenklinik fertig werde, ist schon wieder etwas Anderes in Bereitschaft bei Dr. Kokott. Auch Aquarelle nach lebendem Modell, einer hiesigen Sängerin. Das ist an sich gut; aber es war meine Hoffnung, auch wieder mal allerlei aufzuarbeiten, was im Hause zurückstehen mußte. Und auch zur Aufzeichnung meiner Erinnerung von 1903 komme ich noch immer nicht. Weißt Du, ich habe es durchaus als Geschenk aufgefaßt, daß Du es mir schicktest, auch wenn es nur zum Lesen gewesen wäre. Und zu merken war auch, daß es so nicht zum Druck bestimmt war, aber ich hatte das "Kapitel x" für K. X. gelesen und glaubte, es sei aus einem Zusammenhang. Auf alle Fälle war es eine Weihnachtsgabe, die mich rührte und beglückte.

11.II. Nun nur noch die herzlichsten Grüße und all das, was sich doch nicht sagen läßt! – Ich fahre gerade nach Ziegelhausen zur Waschfrau und nehme den Brief mit in die Stadt. Wie lange brauchen eigentlich die Briefe jetzt immer?
Viele, viele innige Wünsche!
Deine Käthe.