Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Februar 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. II. 1946.

No. 10.
zuletzt erhalten:
No 20. vom 22.III.45
sonst noch nichts seit
No 10 vom 19.I.46.

[von fremder Hand] 12.III
Mein geliebter Freund!
Es ist, als ob der Himmel mich trösten wollte wegen der langen Pause, daß er mir den lange verzögerten Brief nun doch noch geschickt hat. Und es war auch unbedingt notwendig, daß dieser schöne, liebe Brief erhalten blieb. Außerdem lag auch noch ein reizendes Briefchen von Frau Biermann an Susanne darin, das über die Zerstörungen in und um Kassel berichtet. – Voller Fürsorge bist Du damals besonders für mich gewesen, und wie leicht war das alles hier im Vergleich mit Euch! Die dreimal täglich wiederholten Bombenangriffe haben freilich aufgehört, aber sonst –! Die "Schule" war noch in Betrieb, es fanden Prüfungen statt, und jetzt? – Ich bin in starker Sorge um Deine Gesundheit wegen der latenten Grippe und hoffe nur, daß Du die unfreiwillige Muße benutzt, um sie gründlich auszuheilen. Wie alt sind immer die Nachrichten, bis sie ankommen, und man muß sich umstellen,
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| um wieder in den richtigen Zusammenhang zu kommen. Überhaupt verliere ich ganz das Zeitgefühl, und so kurz die Tage im einzelnen sind, so lang scheint mir ihre Zahl zwischen Deinen lieben Briefen; denn Du schreibst ja so pünktlich und ausführlich, aber meine Ungeduld eilt immer voraus. – Wenn ich sehe und höre, wie hier und anderwärts der Karren läuft, dann faßt mich der Neid. Man merkt überall, wie lernbegierig die Jugend ist nach der langen Zeit der Dürre, sowohl in den Volks- und Mittelschulen, als in den Hochschulen; dann beklagt man es doppelt, wie langsam das alles in Gang kommt. Die Entnazifizierung nimmt immer neue Maßnahmen vor, und ehe das nicht aufhört, wird kein voller Betrieb möglich. In Jena soll es noch drei amtierende Mediziner geben, und davon ist der Eine, mein Arbeitgeber Erich Seidel, jetzt an Überarbeitung völlig zusammengebrochen und liegt in der Klinik. Er war ein Hüne an Gestalt und Kraft. – Hier schöpft nun der bewußte Kollege, der jede Konkurrenz sorgfältig fernhielt, den Rahm ab. Und Du wirst verstehen, daß ich es mit Bitterkeit sehe. Es ist ja überhaupt so vieles, über das man nicht nachdenken darf, ohne sich dagegen aufzulehnen. Wohin man kommt und denkt, nichts als traurige Eindrücke. So z. B. bei Frl. Seitz,
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| und Spröhnle, letztere eine sehr tüchtige und beliebte Ärztin, ist vom Beruf ausgeschlossen und seitdem völlig zusammengebrochen. Sie war lungenkrank und nach der großen Rippenresection völlig geheilt. Nun ist die Krankheit wieder ausgebrochen. Und was soll mit den Beiden werden? – Auch Walter Hecht ist von neuem ernst erkrankt. Es ist ein sonderbarer Zustand halber Unzurechnungsfähigkeit. Er hat auch in den angeblich normalen Zeiten sehr sonderbare Eigenschaften, z. B. in Betreff von Mein und Dein! Dabei ist dieser Unglücksmensch ausgerechnet Lehrer geworden! Rösel tut mir sehr, sehr leid, denn ich fürchte, die Krankheit ist nicht wirklich heilbar. – Etwas Gutes gibts in Familie Buttmi. Die Mutter ist ohne Weiteres wieder als Lehrerin eingestellt, die älteste Tochter geht morgen nach Karlsruhe, auf der technischen Hochschule Baufach zu studieren, die andere geht wieder zur Realschule hier bei Prof. Durand, der ungemein beliebt und jetzt Direktor geworden ist. (Er ist ein Freund von Kohlers.) Sorge ist nur um Vater Buttmi, der gefangen in Frankreich und P.G. ist. –  –
Den stillen Sonntag habe ich benutzt, um
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| Kümmelkekse zu backen, da es ja kaum etwas von Zucker gibt. Ich habe dabei die stille Hoffnung daß Matussek sie an die richtige Adresse wird bringen können. Auch ein paar wollene Socken, eventuell an den Füßen. Es gibt ja Wasser und Seife! –
Meine Krankenzulage habe ich wieder verschrieben bekommen; aber es geht mir doch so viel besser, daß ich dachte, es ginge nicht nochmals. Die Arbeit in der Klinik ist vorerst beendet, und ich bin eigentlich ganz zufrieden mit der Pause. An Arbeit fehlt es auch sonst nicht. Wohin ich blicke ist etwas zu flicken, zu waschen oder neu zu machen – und es bleibt bei der Absicht!
Nachrichten bekam ich keine neuen. Auch von Ruges sehr lange nicht. Ich fürchte nicht ohne Grund, sie durchleben jetzt den Ausgleich für so viele Jahre ungetrübten Glücks. Im übrigen wartet man wohl auch, daß der Geburtstagsbrief zur rechten Zeit kommt. Ich fürchte, mein Glückwunsch für den 19. kam viel zu früh. Aber übermorgen werde ich rechtzeitig daran denken. Und sonst denke ich, wie Du weißt ja beständig hin zu Dir und wünsche mir, ich könnte Dir von meiner wiedergewonnenen Kraft abgeben. Denn alles Gute, das mir zuteil wird, gehört ja Dir und kommt von Dir <li. Rand> und für Dich. Viele innige Grüße und Wünsche! Deine Käthe.