Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24./27. Februar 1946 (Heidelberg)


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Heidelberg, 24. Februar 1946
Sonntag abend!

[von fremder Hand] 14.III
No. 11. (alle Woche seit Sylvester (No. 3)
erhalten den kostbaren eingeschriebenen Brief von Susanne
und ein kleines liebes Päckchen
(beides wird morgen meine stille Feier sein!)

[li. Rand] Brief zuletzt No 11, vom 7.II. erhalten am 19.II.
Mein geliebter Freund!
Wenigstens eine halbe Stunde muß ich Dir doch heute noch schreiben, wenn es auch schon recht spät am Tage ist. Ich habe Dir heute doch allerlei Gutes zu erzählen, und wer weiß, wie morgen der Tag sich einteilt. Es wäre überhaupt allerlei da zu vereinigen, was nicht gleichzeitig zu tun ist! Aber mit meinen Gedanken bin ich trotz aller Ablenkung von außen doch immer mit Dir vereinigt! – Diese Woche war verhältnismäßig unruhig, außer dem letzten Fertigmachen der Arbeit für die Klinik kam ein Auftrag für Dr. Kokott, der früher auch Assistent war, jetzt selbständige Praxis hat. Daneben habe ich am Freitag Kuchen gebacken mit amerikanischem Weißmehl von Weihnachten, um für liebe Gäste etwas anbieten zu können, und für heut mittag hatte ich Frau Pfarrer Heraucourt zu Gast. Das sind heut ein wenig Umstände, während man es täglich recht einfach macht. Aber dafür habe ich viel Liebes erfahren, und so beginne ich das neue Lebensjahr mit tröstlichen Gedanken. Vor wenigen Tagen glaubte ich nach einem un
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|erfreulichen Zusammensein mit Rösel Hecht, unsre Freundschaft hätte einen unheilbaren Riß, und nun kommt sie heute so lieb und reumütig, daß ich sehr froh und dankbar für das neue Einvernehmen bin. Ich sage mir ja ohnehin, daß die arme Frau so viel zu tragen hat, daß man auch verstehen muß, wenn der Umgang mit ihr auch manchmal schwierig ist. Wie hart ist es, mit angestrengter Arbeit zwei Kinder zu erziehen, und wenn dann der Sohn, der nun ein b[über der Zeile] egabter Mensch ist, selbständig sein könnte, hat er eine so unheimliche Krankheit. Aber nun ist zwischen Rösel und mir alles wieder gut, und ich bin richtig glücklich darüber, denn ich habe sie herzlich lieb. Denn wir beide haben doch nun mal ein besonderes Verlangen nach freundschaftlicher Nähe, und wir wissen, wie schwer das zu gewinnen und zu erhalten ist. Wie sehr beklage ich's, daß Du, Ihr beide es dort eigentlich entbehren müßt. Aber Susanne hat ihre Schwester, das ist für Dich nicht ganz Dasselbe. So freue ich mich über den guten Einklang mit Sauerbruch.
Eine Freude ist es auch, daß ich noch in meiner Wohnung bin. Vorgestern hat man zum sechstenmal versucht, mich daraus zu vertreiben. Drei Ämter beteiligen sich daran: das Heidelberger, das Rohrbacher und das Amerikanische. Diesmal war es ein einzelner
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| Amerikaner, der abends zwischen sechs und sieben Uhr kam, mit einem Zettel vom Wohnungsamt. Ich begriff erst nach und nach, was er wollte. Ich verhandelte ganz freundlich mit ihm, der einem gutmütigen Eindruck machte und der mich dann zweimal auf die Schulter klopfte und sagte: "You can stay". Er ging und wiederholte noch auf der Treppe immer wieder "Ocki" oder so ähnlich, was wohl so viel heißt wie "fertig". – Das war also auch gut ausgegangen.
Wenn ich nun doch nur endlich die Nachricht hätte, daß auch Deine Lebensbedingungen eine befriedigende Wendung genommen haben. Du hältst mich aber offenbar doch [über der Zeile] für noch seniler, als ich wirklich bin, wenn Du meinst, ich fragte nach der Reise, nachdem ich erfahren hätte, sie habe nicht stattgefunden. Du mußt bedenken, wie lange es dauert, bis auf einen Brief die dazugehörige Antwort kommt. Ich beklagte mich gerade beim letzten Schreiben, wie schwer es ist, immer die richtige Einstellung wieder zu finden. –

27.II. Da liegen nun wieder Tage dazwischen, an denen es nicht zum Schreiben reichte. Dabei hatte ich sehr das Verlangen danach, denn die guten Eindrücke hatten noch kein Ende. Jetzt aber ist nun auch Dein lieber Geburtstagsbrief [unter der Zeile] (No 16.) da, der mir das beste
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| schenkt, was ich mir wünschte: die Nachricht von dem Brief aus H. So habe ich unendlich viel zu danken, Dir und dem Schicksal. Denn, denke Dir, am 25. kam in einem Brief meines Patenkindes Gisela ein eigenhändiges Schreiben von Hermann. Du wirst es mitfühlen, wie sehr mich das bewegte. Immer noch sind sie in dem Lager Frederikshavn, Marinelager, und sie haben doch jetzt einige Nachricht von Kindern und Freunden. Die ersten von Probst, Schweiz und Sanborn, U.S.A.. Seine Schrift war nie schön, wie Du weißt, aber jetzt ist sie recht krakelig, sodaß es sich betrübend ansieht. Seine Gedanken gehen mit Sorge in die Zukunft und Rückkehr. Mit Recht, wie wir leider wissen. Von der Gegenwart schreibt er befriedigt über seine Tätigkeit als Leiter der Lagerschule, 400 Kinder!, und nebenbei hat er Kurse in Latein und Geschichte. Kein Wort der Klage. – Gisela schreibt, daß Post ihn erreicht hat: Gefr. Hadlich. 3. M.R.D.  Dä So 3 über 1. Minenräumungsdivision Kiel-Fr'ort (24.) – das geht dann gelegentlich mit Minenräumungsbooten mit. – Er fragt sehr nach allen Freunden. –  –
Übrigens, mein liebes Herz, habe ich nicht gedacht,
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| daß Ihr mit Ruges in Verbindung ständet, ich habe das damals gespürt, aber Du hast mal von Ludwig geschrieben, und so kommt manchmal auch eine indirekte Nachricht durch. –
Aber nun doch endlich zu uns Beiden! Vor allem Dank für das reizende kleine Kalenderchen. Ich war ordentlich neidisch, daß Du ein so viel schöneres gefunden hast als ich damals. Über den Spruch grüble ich noch, und möchte wohl wissen, in welchem Sinne Du ihn meinst? Denn bei mir ist es ja etwas zweifelhaft mit dem Glauben. Auch Dein "Wort" in der "Kirche" beschäftigt mich, und ich bedaure nur, daß ich so wenig zu einer ruhigen Sammlung komme. Abends kann ich im Bett garnicht mehr lesen. Mir fallen einfach die Augen zu. Sie tun auch viel weh, zum Teil von dem ekligen Holzrauch beim Heizen. – Ist es nicht erstaunlich, daß die[über der Zeile] selbe Drucksache schon mehrere Tage vorher zu mir kam? Anna Weise hat sie mir geschickt, die jetzt in einem Altersheim ist in Schlachtensee, St. Theresienstift, Altvaterstr. 8. So ist nun der Lebensabend dieser Frau, die einst Millionärin war! – Ich war ganz gerührt über ihr Gedenken, nachdem ich seit ihrer Flucht aus Breslau nichts mehr gehört hatte. – Es lag auch noch ein
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| kleiner, liebenswürdiger Nachruf für Eucken bei, der wohltuend übertriebenes Lob vermeidet. Jetzt sehne ich mich nun danach, mich mit den beiden Kapiteln Lebenserinnerung eingehend beschäftigen zu können. Sage doch Susanne allerherzlichsten Dank für die große Arbeit. Hoffentlich hat sie Durchschläge gemacht, daß es sich lohnt! Aber wo bleibt immer die Zeit? Es liegt unendlich viel unerledigte Arbeit da! – – Matussek konnte ich heute am Eingang der Augenklinik Deinen Auftrag ausrichten. Er freute sich, daß etwas im Gange sei, und ist gespannt, ob die Sache so gelegen sein wird, daß er seine Reise darauf hin abändern kann. Denn er möchte vor allem gern Dich sprechen! – Bei Delekat bin ich noch nicht vorbei gekommen.
Die hiesigen Hausväter sind auch noch nicht heimgekehrt, Buttmi in Reims, Otto Kohler in Marseille. Aber mit denen auf der r. Seite ist es wohl viel schlimmer, wie Susanne's Schwager und Adolf Weise (Berlin.) Dagegen ist Drechsler frei.
Aber der Bogen ist zu Ende und der Geburtstagskuchen verschwunden wie Schnee an der Sonne, er wurde sehr bewundert und genossen! Abends am 25. hatte mich Frau Buttmi eingeladen, und zum Kaffee war Hedwig Mathey bei mir. Alle Besuche hatten sich auf Sonntag und Montag so hübsch verteilt, daß ich sie hübsch einzeln für mich hatte. Allerlei Eß<li. Rand>bares und reizende Schneeglöckchen erfreuen mich noch. – Wie sehr ist mein Herz <li. Rand S. 5> erleichtert durch Deinen letzten Brief! Du kannst Dir nicht denken, wie sehr <Fuß> ich in Sorge war. Auch aus dieser Stimmung heraus hatte <Kopf> ich neulich Verlangen nach dem kleinen Buch. Aber Susanne soll ja nicht suchen. Es kommt mal von selbst!
<li. Rand S. 4>
In Dankbarkeit, Liebe und Reue Deine Käthe.